• Marc DeSargeau und FAGULON

Die Qualen vor Wahlen (3): Passive Lügen bei Wahlkampfreden und Talkshows



Der Hintergrund dieses Textes:

Es handelt sich um gekürzte Zitate aus dem Buch „Die Kunst der passive Lüge“ von Marc DeSargeau, erschienen im August 2021 im FAGULON-Verlag. Das ist kein Sachbuch, sondern eine literarische „Faction“. Dieser „Ratgeber“ ist eine Verbindung von ironischer Realitätsbeschreibung und literarischer Erfindung.

Was sind passive Lügen? Sie sind viel gefährlicher als die echten Lügen: Sie verwenden nämlich Ausschnitte der Wahrheit und verarbeiten sie in einer Weise, die beim Empfänger solcher „Informationen“ ein Bild entstehen lassen, welches mit der Realität nicht viel zu tun hat. Mit solchen Methoden wird auch die Diskreditierung von abweichenden Meinungen sowie von missliebigen Personen und Medien vorgenommen. Dabei lautet das Motto: „Schublade auf – Brandmahl auf die Stirn – Schublade zu!“ Eine Übersicht über 69 Methoden passiver Lügen ist auf www.passive-luege.com zu finden.


Passive Lügen müssen der Hauptbestandteil von Reden im Parlament und bei Wahlkämpfen sein

Wie man sich bettet, so lügt man


Aufgrund des meist verwendeten Fraktionszwanges bei Abstimmungen in deutschen Parlamenten und angesichts der Vielzahl wirksamer "Folterwerkzeuge", die für die Disziplinierung eventuell abtrünniger Abgeordneter zur Verfügung stehen, kann von einer freien Gewissensentscheidung bei Abgeordneten schon lange keine Rede mehr sein. Insofern können Parlamentsreden (die meist vor leeren Rängen stattfinden), keine Präsentationen alternativer Konzepte sein, welche das Ziel haben, andere Abgeordnete von den eigenen Argumenten zu überzeugen.


Dementsprechend müssen die Reden der Vertreter der Regierungsfraktionen die bereits lange vor einer Abstimmung getroffenen Entscheidungen loben. Dabei ist es wichtig, sich als Bannerträger des Guten und Notwendigen zu positionieren. Dafür eignet sich die ständige Wiederholung der "westlichen Werte", welche den eigenen Entscheidungen zugrunde liegen und die durch das neue Gesetzesvorhaben erneut gestärkt werden. Es muss also immer die Rede sein von Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, sozialem Ausgleich, dem Miteinander, der Chancengleichheit, der Integration und den wirtschaftlichen Erfolgen (die allerdings meist nicht der Regierung zu verdanken sind). Diese und ähnliche Werte sind sakrosankt, weil keiner genau weiß (und wissen will), was sie in der Anwendung auf eine konkrete Situation bedeuten sollen. Deshalb ist es unmöglich, ihnen direkt zu widersprechen. Sie werden also bei der Analyse fast aller Redner im Parlament zu dem Schluss kommen, dass viele der in diesem Buch beschriebenen PaLü-Methoden regelmäßig zur Anwendung kommen. Aus den beschriebenen Gründen kann das auch nicht anders sein. Aus parteipolitischer Sicht könnte man sogar formulieren: Es darf auch nicht anders sein!


Für Wahlkampfreden gelten ähnliche Regeln, allerdings ist hier zu beachten, dass kaum ein Bürger die Wahlprogramme der Parteien gelesen hat und zudem aus Erfahrung weiß, dass wichtige Teile davon ohnehin nach der Wahl entweder vergessen oder in ihr Gegenteil verkehrt werden. Man erwartet also nichts anderes als ein Potpourri passiver Lügen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie bei solchen Gelegenheiten ständig wiederholen, dass nur mit der eigenen Partei die sakrosankten Werte (siehe oben) erhalten und ausgebaut werden können. Sollte jemand fragen, wie denn das konkret geschehen soll, ist es leicht, ihn ins Leere laufen zu lassen: Sie verweisen einfach auf die Details des 150seitigen Parteiprogramms. Für dessen Erläuterung reicht die Zeit natürlich nicht. Das wird jeder verstehen!


Empörung als Ausdrucksform einer passiven Lüge

Wer sich opportun empört, der hat Recht und wird gehört!


Das scheint das Motto der politischen oder moralischen Empörung über vermeintliche oder wirkliche Missstände zu sein. Seit Kindertagen ist uns ein unterbewusster Reflex antrainiert worden: Wenn sich Eltern oder Lehrer empören, fallen sie durch die Wut aus ihrer üblichen Rolle. Es muss also etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein. In der Regel war man als Kind der Auslöser, und zwar durch irgendeine Missetat. Die meisten Menschen fühlen sich deshalb – nahezu instinktiv - immer schuldig, wenn sie der Empörung eines anderen ausgesetzt sind.


Wenn Sie also gehört werden und sich über andere erheben wollen, ist die Empörung eine der wirksamsten Methoden. Jedoch ist Vorsicht geboten! Die Menschen haben in der Regel ein ziemlich feines Gespür für die Unterscheidung zwischen gespielter und echter Empörung. Besonders viele peinliche Momente gespielter Empörung kann man bei spontanen Zwischenrufen im Parlament beobachten. Für die Zuhörer – die meist gar nicht verstehen können, was gesagt wird – entsteht der Eindruck von Leuten, die einen Redner randalierend stören, indem sie mit Kochlöffeln auf Töpfe einschlagen. Der Redner wird zum Opfer und zieht so die Sympathie der Zuhörer auf sich.


Besonders bei Berufspolitikern ist die gespielte Empörung die Regel. Sie sind jedoch meistens schlechte Schauspieler. Auf Wahlkampfveranstaltungen wird dies besonders deutlich. Es reicht nicht, laut zu schreien, um Erregung und Engagement vorzutäuschen. Üblicherweise richtet sich die gespielte Empörung auf die angeblich verwerflichen Maßnahmen und Konzepte des politischen Gegners, um sich selbst dann als die erlösende Alternative zu präsentieren.


Wenn Sie eine solche Rede halten wollen, lassen Sie die Empörung unbedingt langsam ausklingen! Hören Sie auf, zu schreien und zu klagen! Leiten Sie über zu einer stillen und nachdenklichen Präsentation Ihrer eigenen Person und politischen Position. Meistens wird jedoch der Fehler gemacht, diese mit genau der gleichen Lautstärke und dem gleichen Gestus des engagierten Gebrülls zu präsentieren. Das ist aber ein großer Fehler, denn jetzt entlarven Sie sich selbst!


Viele Zuhörer haben oft schon nach den ersten Worten einer empörten Rede den Eindruck, dass sich hier nur ein schlechter Schauspieler aufregt, der das Standardprogramm einer eingeübten Wahlkampfrede abspult, die er schon dutzende Male gehalten hat. Man ist dem Redner gegenüber also reserviert. Wenn Sie nun Ihre eigene Position im gleichen Gestus herausbrüllen, der die gespielte Empörung auszeichnete, dann können Sie ziemlich sicher sein, dass bei den meisten Zuhörern nicht Anteilnahme, sondern Fremdschämen ausgelöst wird. Statt das Auditorium zu gewinnen, haben Sie es abgestoßen.


Wenn Sie jedoch nach der Empörung über die Fehler und „Verbrechen“ des politischen Gegners Ihre Alternativvorschläge in einem ruhigen und nachdenklichen Ton vorbringen, entsteht ein sehr wirksamer Kontrast. Je leiser Sie sprechen, desto aufmerksamer werden die Zuhörer das Gesagte verfolgen. Das ist übrigens auch eine psychologische Taktik bei erfahrenen Verhandlungsführern. Wenn Sie in diesem Stil auch noch Mitgefühl für die Alltagsprobleme Ihrer Zuhörer zum Ausdruck bringen (oder vortäuschen), dann werden Sie nicht nur rational, sondern auch emotional überzeugen.


Seit kurzem gibt es einen neuen Weg, Empörung auszudrücken, den Sie unbedingt nutzen sollten: Man instrumentalisiert Kinder oder Jugendliche. Wenn Sie deren Demonstrationszüge von geschickten Organisatoren auf die Straße schieben und finanzieren lassen, wird sich niemand trauen, den erregten Kindern in ihrem gerechten Zorn auf die verantwortungslosen Erwachsenen zu widersprechen. Schließlich sind die schon alle tot, wenn die heutigen Kinder die Missetaten der Alten ausbaden müssen. Wenn Sie die Protagonisten auch an Talkshows und an Podien internationaler Konferenzen ausleihen, ist die Wirkung noch überzeugender und viel mehr ans Herz gehend als gebrüllte Slogans oder Plakate auf der Straße. Als Themen derartiger Aktionen eignen sich der Klimawandel, die Schulbildung, der Weltfrieden oder die Armut in den Entwicklungsländern.


Passive Lügen und Empörung über die angebliche Verletzung von Grundwerten

„Können Sie mir dazu einen Empörungs-O-Ton geben?“ (Journalistensprech)


Diese Empörung kommt meistens von den WUVU-Parteien und -Organisationen (WUVU steht für Wunschdenken, Visionen und Utopien), die man fälschlicherweise immer noch mit den alten und inhaltsleeren Begriffen wie links und grün bezeichnet. Wissen Sie, was das Beste an den fünf geheiligten Grundwerten westlicher Gesellschaften – Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, Demokratie und Humanismus – ist? Es ist die Tatsache, dass jeder glaubt, zu wissen, was damit gemeint ist. Deshalb macht sich niemand die Mühe, genau zu hinterfragen, was diese sakrosankten Begriffe denn in einem bestimmten Land und einer konkreten Situation bedeuten. Nur hier können sie aber ihre Wirkung entfalten. Als abstrakte Prinzipien sind sie nicht zu gebrauchen.


Bei genauerer Betrachtung werden Sie feststellen, dass Inhalt und Bedeutung dieser Grundwerte durch die Kraft des Faktischen ganz verschiedene Formen annehmen können. In verschiedenen Staaten, zu unterschiedlichen Zeiten, bei verschiedenen Religionen, in unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten haben sie stark abweichende Bedeutungen. Es gibt also in Wirklichkeit keine klar definierten Grundwerte, die überall als Richtschnur des Handelns gelten. Genau diese Illusion wird aber immer wieder propagiert.


Aus dem oben Gesagten ergeben sich wunderbare Möglichkeiten der Empörung, gegen die es keine Verteidigung gibt. Wenn Sie also Ihrem Gegner in öffentlichen Reden oder Diskussionen vorwerfen, die o.g. Grundwerte in Frage zu stellen oder auszuhöhlen, dann kann er sich nicht wirklich dagegen wehren, weil diese Grundwerte ja nicht genau definiert sind. Deshalb ist es in Diskussionen besonders wichtig, jede konkrete Aussage zur Art und Weise zu vermeiden, in welcher Ihr Gegner angeblich die heiligen Grundwerte angreifen oder zerstören will. Dann könnte sich nämlich sogar herausstellen, dass dessen politische Konzepte einige konkrete Formen von Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie verbessern könnten. Damit würde sich Ihre Attacke schnell in Luft auflösen, was es zu vermeiden gilt.

Es muss also bei der moralisierenden Empörung über die Verletzung oder Nichtachtung der Grundwerte bleiben. Besonders beliebt sind solche Anwürfe natürlich gegenüber allen Personen, die sich von dem ideologisch korrekten Meinungskorridor entfernen und/oder die Handlungen der Regierung kritisieren. Um diese Empörung wirksam werden zu lassen, wird vorausgesetzt, dass die Regierung, die großen Parteien oder Medienkonzerne die Gralshüter dieser Grundwerte sind. Alle Kritik an ihnen muss also automatisch zu einer Verletzung derselben führen. So können Sie aus sachlichen Kritikern konkreter Zustände in der Gesellschaft oder von Aktionen der Regierung ganz einfach „Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ machen. Die Hausdurchsuchung durch den Verfassungsschutz ist dann schon nicht mehr fern.


Die einfachste und prägnanteste Form der Empörung lässt sich in einem Wort zusammenfassen, dass Sie als Zwischenruf jedem entgegenschleudern können, der eine Meinung vertritt, die Ihnen nicht gefällt: „Spalter!!!“ Dieser Vorwurf geht natürlich von der Illusion aus, die Gesellschaft sei nicht bereits tief gespalten – in arm und reich, in linke bzw. grüne Aktivisten und rechte Politiker oder in Deutsche und Einwanderer, die in isolierten Parallelwelten leben, sowie in Gegner und Befürworter der Corona-Politik. Sie können also mit einem solchen empörten Aufschrei die Illusion einer Gesellschaft propagieren, die solidarisch und gemeinschaftlich alle Probleme angeht. Das ist dann der Hintergrund auf dem der Spalter als Anstifter einer Hetze diffamiert werden kann, die eine vorher nicht existierende Spaltung hervorruft.


Zitat aus: Die Kunst der passiven Lüge, Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2021