• Marc DeSargeau und FAGULON

Die Qualen vor Wahlen (9): Propaganda und Gegenreaktionen schaukeln sich auf



Der Hintergrund dieses Textes:

Es handelt sich um gekürzte Zitate aus dem Buch „Die Religion der Überkompensationen“ von Marc DeSargeau, erschienen im August 2021 im FAGULON-Verlag. Das ist kein Sachbuch, sondern eine literarische „Faction“, also eine Verbindung von Realitätsbeschreibung und literarischer Erfindung. Zur Anregung der eigenen Meinungsbildung werden die Ansichten der zwei Protagonisten des Buches gegenübergestellt. Der fiktive Bundesfinanzminister Prof. Dr. Jan Mayerhof war charismatischer Hoffnungsträger, der erst zwei Jahre vor seinem mysteriösen Tod von der Weltbank in die deutsche Politik wechselte. Kurz zuvor hielt er die hier zitierten Geheimreden. Um der Diskussion der im Internet verbreiteten Transkripte dieser Reden etwas entgegen zu setzen, wurde der fiktive „Spin Doctor“ Lothar Müller beauftragt, die jeweils passende, politisch korrekte Gegenpropaganda zu entwerfen. Beide Texte werden hier gegenübergestellt, so dass man sich leicht entscheiden kann, welcher Meinung man sich anschließen möchte.

Ausschnitt aus einer Rede des fiktiven Finanzministers Prof. Mayerhof:

Der Einsatz von passiven Lügen zur Befestigung von Wunschdenken und Wahrnehmungsfiltern


Die aktive Lüge hat noch nicht ganz ausgedient und sie folgt in der Politik immer noch dem − schon von Goebbels erkannten − Prinzip, dass man die Lüge nur extrem groß machen muss, damit die Menschen wenigstens einen Teil davon für wahr halten, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, dass eine so riesige Behauptung gänzlich frei erfunden sein könnte. In diese Kategorie fallen heute Slogans wie: "Zerbricht der Euro, zerbricht auch Europa!" oder "Energiewende ohne Atomkraft" und auch "Wir schaffen das!" Allerdings sind die aktiven Lügen seltener geworden und entstehen eher aus tollpatschiger Inkompetenz als aus böser Absicht.


Den Begriff der "passiven Lüge" möchte ich im Folgenden benutzen, um damit das Spektrum derjenigen Methoden zu benennen, die zur selektiven Abbildung oder Verfälschung der Realität verwendet werden, ohne dass sich der Lügner persönlich angreifbar macht. Es ist die tägliche Routine von Politikern und Journalisten. Man lügt nämlich nicht selbst, sondern schafft Bedingungen, unter denen sich die Lüge im Kopf des Hörers oder Lesers wie von selbst entfaltet. In Bezug auf dieses (natürlich erwünschte) Ergebnis ist der Lügner also passiv. Er beherrscht lediglich die Techniken der passiven Lüge. Wenn sein Publikum daraus ein "falsches" Abbild der Wirklichkeit konstruiert, kann man das dem passiven Lügner doch keinesfalls vorwerfen! Oder doch? Zudem wirken die passiven Lügen sehr stark unterbewusst und rufen so Gefühle hervor, die den Sachverhalt − in der vom passiven Lügner beabsichtigten Weise − einfärben.


Ich nenne als Beispiel nur einige Methoden der passiven Lügen, die inzwischen zum Standardrepertoire des politischen Kampfes und medialer Verunglimpfung von Menschen geworden sind, die den „politisch korrekten“ Glaubenssätzen nicht folgen wollen. So kann man z.B. einen verbalen Rahmen um Menschen oder Konzepte legen, die nun "rechtspopulistisch" erscheinen, nur weil pragmatische Alternativvorschläge machen. Dieser Rahmen kann dann schrittweise verschoben werden, so dass schließlich die Nazikeule oder die Rassistenkeule mit heiliger Empörung geschwungen wird.


Beliebt ist auch die Verwendung von verkürzten Zitaten oder das Ignorieren des Kontextes eines Gedankens. Durch deren isolierte Betrachtung wird bei Lesern oder Zuhörern der glaubwürdige Eindruck erweckt, diese Fragmente würden tatsächlich das Denken und Handeln der angegriffenen Person oder Organisation widerspiegeln. Nun sind der diffamierenden und empörten Propaganda Tür und Tor geöffnet.


Das Totschweigen von alternativen Konzepten ist auch in die Kategorie der passiven Lüge einzuordnen. Wer nicht (mehr) in den Medien auftaucht, kann ja wohl nichts Wichtiges zu sagen haben. Wenn dies nicht funktioniert, sind Leaks aus "gutinformierten Kreisen" eine oft genutzte Möglichkeit, missliebige Menschen oder Organisationen zu diffamieren. So werden (angebliche) Insiderinformationen verbreitet, welche die investigativen Journalisten ja lediglich im Rahmen ihrer "professionellen Neutralität" und aufgrund der garantierten Pressefreiheit verbreiten. Ob diese Leaks anonymer Quellen von den Journalisten erfunden oder verdreht wurden, kann keiner feststellen, weil sich die empörten Schreiberlinge bei Nachfragen ja auf den Informantenschutz berufen können. Ebenso wenig ist überprüfbar, ob die "Quellen" − wenn sie denn wirklich existieren − nicht vielleicht Lügen oder Fragmente der Wahrheit verbreitet haben.


Empfehlungen zur Gegenpropaganda, verfasst vom fiktiven „Spin Doctor“ Lothar Müller: Leider hat JM hier einige − längst nicht alle − Methoden kurz aufgelistet, die ich in meiner vertraulichen Methodensammlung "Bewährte Methoden zur Bereinigung der Realitätswahrnehmung der Bevölkerung. Der Schein bestimmt das Sein" beschrieben habe. Man könnte fast meinen, er habe diese Texte gelesen. Da ich sie seit einiger Zeit ausgewählten Klienten, die ich als Berater betreue, zur Verfügung stelle, wäre es durchaus möglich, dass jemand aus diesem Kreis den Text − in Verletzung umfassender Geheimhaltungsvereinbarungen − weitergegeben hat. Allerdings ist die Bezeichnung dieser Methoden als "passive Lügen" zwar drastisch, aber zutreffend. Ich bevorzuge die im Titel des Buches enthaltene Formulierung "Bereinigung der Realitätswahrnehmung". Entscheidend ist jedoch, sich daran zu erinnern, dass der gute Zweck (fast) alle Mittel heiligt.


Ausgesprochen katastrophal ist es jedoch, wenn sich viele preisgekrönte und politisch linientreue Reportagen in wesentlichen Details als Fälschungen erweisen. Derartige Vorkommnisse können nur selten entdeckt werden, weil es hierzu der Informationen von „Whistle-Blowern“ aus dem Inneren der Redaktionen bedarf. Dennoch geschieht dies gelegentlich. Die nun offensichtliche Schlussfolgerung bleibt im Kopf der meisten Menschen jahrelang haften: Vermutlich sind auch viele andere politisch korrekte Sensationsgeschichten in wesentlichen Teilen erfunden.

Dies bedeutet, dass zu den passiven Lügen auch die aktiven Lügen in den Medien hinzukommen. Deren Anwendung beschreibe in diesem Buch unter der Überschrift „Lügenartistik“. Allerdings geht durch solche Entdeckungen und den darauf folgenden Generalverdacht gegen alle linientreuen Journalisten das wichtigste Attribut der passiven und aktiven Lügen verloren: die mehr oder weniger große Glaubwürdigkeit. Deshalb gilt vor allem: Sie dürfen nicht enttarnt werden! Ist dies jedoch erfolgt, braucht sich keiner mehr über die Rufe „Lügenpresse“ zu wundern, die Medienvertretern auf vielen Demonstrationen entgegenschallen. Lügen sind nicht deshalb gut, weil sie für einen guten Zweck verbreitet werden, sondern wenn sie gut gemacht sind und verheimlicht werden können! Auch für aktive und passive Lügen gilt: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut!


Angesichts des immer größer werdenden Einflusses von unabhängigen Internetseiten und Internet-TV-Sendungen ist es jedoch zusätzlich wichtig, die Methoden der Zensur und Repression unerwünschter Meinungen wesentlich zu intensivieren. Dies kann nur durch eine massive Aufstockung des entsprechenden Personals und durch die Erzeugung einer Kultur der Angst in den sozialen Medien erfolgen. Letzteres ist durch eine Methode zu erreichen, die in allen sozialistischen Ländern über Jahrzehnte gut funktioniert hat: Bestrafe einen und erziehe Hunderte, oft sogar Tausende. Wenn die meisten Menschen – angesichts der Nachrichten über die Kontensperrungen oder juristische Verfolgungen unliebsamer Meinungsführer – anfangen, sich selbst zu zensieren (die berühmte Schere im Kopf), dann ist ein wichtiges Ziel erreicht.


Eine besonders wirksame Methode der Einschüchterung von missliebigen politischen Aktivisten ist die Durchführung von legalen Raubüberfällen, die mit dem harmloseren Begriff „Hausdurchsuchung“ umschrieben werden. Die damit einhergehende Demütigung und der langdauernde Verlust aller Dokumente, Computer, Datenbanken etc. senden in der Regel Schockwellen durch die entsprechenden Gruppen. Wenn man die Bearbeitungszeit künstlich ausdehnt, kann diese Beschlagnahme leicht viele Monate dauern. Mitstreiter und Anhänger werden vorsichtiger und leiser. Sie wissen: aufgrund von Gummiparagraphen könnte der Vorwurf der Volksverhetzung und/oder der Verfassungsfeindlichkeit auch vielen von ihnen gemacht werden. Solche Gummiparagraphen gab es auch in den sozialistischen Ländern. Sie haben sich glänzend bewährt und hatten nur geringfügig andere Namen, wie z.B. staatsfeindliche Propaganda, Herabwürdigung der Partei- und Staatsführung, Unterstützung des Klassenfeindes etc.


Ausschnitt aus einer Rede des fiktiven Finanzministers Prof. Mayerhof:

Propaganda erzeugt Gegenreaktionen


Auf den ersten Blick erscheint es so, als lenkten oder stabilisierten die "Meinungsmacher" die Richtung des Denkens und Handelns von Millionen, denn ihre Hervorbringungen werden täglich millionenfach auf Papier, in den Talkshows und im Internet verbreitet. Allerdings ist das nicht wirklich der Fall. Es gibt nämlich neben der formal-juristischen Meinungsfreiheit noch zwei weitere, praktisch wesentlich bedeutsamere Arten von angeblicher "Meinungsfreiheit":

Einerseits handelt es sich um die sozialpsychologisch eingeschränkte Meinungsfreiheit im Rahmen des professionellen, kulturellen oder religiösen Rollenspiels. In diesem Zusammenhang ist die "politische Korrektheit" noch relativ harmlos! Wer in einem muslimischen Ghetto in Deutschland versucht, im Rahmen seiner juristisch garantierten Meinungsfreiheit seine Ablehnung des fundamentalistischen Islam, der Verschleierung und Rechtlosigkeit von kinderreichen Importbräuten und des Sozialparasitismus krimineller Jugendbanden frei zu äußern, wird diesen Unterschied schnell erkennen.

Andererseits entwickelt sich im Laufe der Zeit bei vielen Menschen hinter der politisch korrekten Maske, die sie in ihrem beruflichen und teilweise auch im privaten Umfeld tragen, ein zweites Gesicht: Privat oder anonym artikulieren sie ihre wahre Meinung. Während die meisten Menschen öffentlich mit dem "politisch korrekten" Schwarm zu schwimmen scheinen, haben sie sich heimlich bereits einem ganz anderen angeschlossen, genau wie dies auch Sozialismus der Fall war.


So schließt man sich scheinbar willig der medialen Hetze gegen Personen und Bücher an, die wichtige Probleme thematisieren, welche mit den offiziellen verbreiteten Glaubenssätzen nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Gleiches gilt für Verteufelung von Seiteneinsteigern, die mit einer neuen Partei eine Plattform für die Diskussion alternativer Strategien geschaffen haben.

Hinter den Masken haben sich aber längst zweite Gesichter entwickelt: So kaufen Millionen die z. T. recht sperrigen Bücher der Verdammten oder lesen täglich Blogs und Internetzeitungen, die alternative Ansichten verbreiten. Es sind ebenfalls Millionen, die bereits nach kurzer Zeit die neue und noch relativ unbekannte Partei bei verschiedenen Wahlen in die Parlamente brachten. Aufgrund des scheinbar riesengroßen Schwarms der Masken, glaubten die meisten Menschen, sie wären mit ihrer wahren Meinung in der Minderheit und täten gut daran, sich hinter der Maske zu verstecken. Plötzlich stellen sie fest, dass sie Mitglieder eines riesengroßen Schwarms von Menschen sind, die sich ebenfalls hinter einer Maske versteckten.


Man kann immer wieder in der menschlichen Geschichte beobachten, wie sich zwei Prozesse aneinander aufschaukeln: Je aggressiver, belehrender und unsinniger die offizielle Propaganda wird, desto stärker wird die verborgene, private Meinung. Wegen der zunehmenden Aversion gegen den Druck der offiziellen Meinung und aufgrund mangelnder Informationen stellt sie oft ganz einfach das Gegenteil dar. Extremfälle des scheinbar plötzlichen Umschwungs der Massenmeinung waren beim Zusammenbruch der sozialistischen Staaten zu bestaunen. Als die Menschen nahezu gleichzeitig ihre Masken abnahmen, erkannten nicht nur sie selbst, sondern auch die Machthaber, wie zahlreich und mächtig sie waren. Die scheinbar auf Fels gebauten Staaten fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen. Der eben noch bei fast allen Bürgern vermutete "feste Klassenstandpunkt" war nicht nur plötzlich entschwunden. Nein, man hatte es schlagartig mit einem Volk zu tun, welches fest von den Segnungen des Kapitalismus überzeugt war und schnellstmöglich an dessen Fleischtöpfe strebte, was sich natürlich bald in herbe Enttäuschung wandelte.


Wenngleich dieser Vergleich nur in einigen Aspekten treffend ist, lässt sich doch noch ein weiteres Phänomen daran illustrieren: Der "Schwarm der zweiten Gesichter" ist keinesfalls intelligenter als der Schwarm der Masken. Ohnehin hat ein Schwarm keine Intelligenz: Er ist ein Schwarm und funktioniert nach eigenen Mechanismen. Bemerkenswert ist jedoch die Hilflosigkeit des Schwarms der zweiten Gesichter, sobald die Masken gefallen sind und die "Unterdrücker" davon gejagt wurden. Während man als Maskenträger genau wusste, was in jeder Situation zu sagen oder zu tun war, sind nur wenige Menschen darauf vorbereitet, ohne Maske klaren Handlungsprogrammen zu folgen. Sie irren zeitweise orientierungslos durch die neue Freiheit. Der Schwarm zerstreut sich schließlich.

Die eifrigsten Maskenträger sind verständlicherweise die Politiker auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene. Sie schwimmen mit dem Schwarm ihrer Partei. Wer nicht mitmacht und den Schwarm verlässt, wird häufig aus seinen Ämtern oder von seinem Parlamentssitz entfernt. Dies gilt natürlich nicht für die wenigen mutigen Abgeordneten mit einem Direktmandat, die lediglich als nörgelnde Clowns gemobbt werden. Sie sind nicht von einem Listenplatz ihrer Partei abhängig und somit viel weniger erpressbar.


Um also die eigene Karriere nicht zu gefährden, bleibt den übrigen Parlamentariern nur die Möglichkeit, sich in ihren öffentlichen Äußerungen den Mantel der "politisch korrekten" passiven Lüge umzuhängen. Privat und nach einigen Gläsern Wein kommt dann − ganz genau wie in den früheren Ostblockstaaten − die wirkliche Meinung hervor. Bei diesen "Volksvertretern" ist allerdings nicht zu erwarten, dass sie ihre Maske fallen lassen, wenn nicht vorher das gesamte System zusammengebrochen ist. Unter vier Augen reden auch einige Journalisten sehr offen über ihre wahre Meinung. Ihre veröffentlichten Kommentare sind jedoch ganz "linientreu".


Empfehlungen zur Gegenpropaganda, verfasst vom fiktiven „Spin Doctor“ Lothar Müller: Tatsächlich entwickelt sich tatsächlich hinter der Maske politischer Korrektheit eine verborgene Wut und Gegenmeinung. Diese wird nicht nur dadurch verstärkt, dass sich viele Menschen durch die veröffentlichte Meinung und die Äußerungen vieler Politiker verhöhnt fühlen. Sie empfinden auch zunehmend Scham über die eigene Angst, ihre wahren Meinungen im Kreise der Kollegen und Freunde zu äußern.


Angesichts der Erfahrungen der sozialistischen Länder bleibt keine andere Möglichkeit, als den Zwang zu politisch korrekten Äußerungen mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten, weil sonst schnell ein Dammbruch erfolgen kann. Wie sich in diversen osteuropäischen Ländern, in Österreich, aber auch in Frankreich und anderen westlichen Ländern gezeigt hat, braucht es hierfür keine Revolutionen. Dies kann auch über Wahlen erfolgen, weil rechtsgerichtete und traditionsverwurzelte Parteien dort bereits sehr stark und gut organisiert sind und oft auch parlamentarische Mehrheiten erringen können.


Es besteht also keine andere Möglichkeit, als in den Medien die politisch korrekten Aussagen und Kommentare weiter unter dem Deckmantel der scheinbaren Vielfalt von Meinungen durchzusetzen. Mit den Methoden, die „Müller Manual“ beschrieben sind, dürfte dies problemlos möglich sein, insbesondere, da sich die Besitzverhältnisse der großen privaten und staatlichen Medienoligopole kaum ändern dürften. Allerdings wäre es sicher hilfreich, wenn es gelänge, einige der penetrantesten Journalisten von allzu eifernden Kommentaren und Attacken abzuhalten. Derartiges befeuert nur die Aversion hinter den politisch korrekten Masken.