• Tom Holland und FAGULON

Die Ulama kopiert bewährte Erfindungen


Wenn man den Hadithen, also die auf Mohammed selbst zurückgehenden Vorbilder und Weisungen, eine göttliche Autorität verleihen wollte, dann musste dies durch eine robuste Kette von möglichst lückenlosen Überlieferungen nachgewiesen werden. Diese Ketten werden Isnads genannt und sind auch heute noch ein wichtiger Teil der Forschungen islamischer Gelehrter. Immerhin gilt es zwischen den vielen tausend Hadithen unsicherer Herkunft und den authentischen zu unterscheiden. Dies ist nach Jahrhunderten naturgemäß keine leichte Aufgabe. In diesem Prozess ist der größte Teil dieser Überlieferungen als unsicher oder frei erfunden aussortiert worden. Wer hat aber die Methode zuerst angewandt? Es waren die Rabbis, die sich auf die Weitergabe der Offenbarungen der geheimen Tora durch viele Generationen beriefen. Damit konnten sie - zusammen mit allgemein gültigen Interpretationen - ein dichtes Netz um das heilige Buch spannen, was die theoretisch mögliche Vielfalt der Interpretationen blumiger Texte einschränkte. Es entstand der Talmud. Genau die gleiche Methode wurde nun im Islam übernommen. Es ist interessant, dass viele der daran beteiligten Gelehrten jüdische und zoroastrische Konvertiten waren, die sich der Religion ihrer neuen Machthaber unterwarfen und sich dann auf ihre Weise nützlich machten.


Zitat 1

Die Rabbis von Sura hatten schon seit Jahrhunderten Erfahrung damit, eben das Problem zu lösen, das die Ulama jetzt angehen wollten. Die geheime Tora, so verkündete es der Talmud, »war am Sinai von Moses empfangen worden, dieser übermittelte sie Josua, dieser übermittelte sie an die Ältesten, diese übermittelten sie an die Propheten - die sie dann ihrerseits einer langen, bis in die Gegenwart reichenden Reihe von Rabbis übermittelten. Nirgends auf der ganzen Welt waren also Gelehrte besser dafür qualifiziert, die Überlieferungsketten aufzuzeigen, die einen Gesetzeslehrer mit den Worten eines Propheten verbanden, als in den Jeschiwas im Irak.


War es also nur ein Zufall, dass die erste und einflussreichste islamische Gesetzesschule knapp 50 Kilometer von Sura entfernt gegründet wurde? Ungefähr zur selben Zeit, da Walid im fernen Damaskus seine große Moschee errichtete, loteten in Kufa muslimische Gelehrte erstmals eine Behauptung von größter Tragweite aus: Außer den niedergeschriebenen Offenbarungen des Propheten gab es andere, genauso bindende Offenbarungen, die bislang noch nicht aufgeschrieben waren. Anfänglich begnügten sich die Mitglieder der Ulama - ähnlich wie Rabbis, die ihre Lehrer zitierten - damit, diese bislang nicht aufgezeichneten Lehren bedeutenden lokalen Fachleuten zuzuschreiben; später verbanden sie diese Lehren mit den Gefährten des Propheten; und schließlich zitierten sie dann die oberste Autorität, den Propheten selbst. Indem sie diese zuvor ungeschriebenen Vergangenheitsfragmente - diese Hadithe - zutage förderten, beschritten die muslimischen Gelehrten einen schon längst gebahnten Pfad. Die Isnads waren zwar islamisch, aber sie waren auch mehr als nur ein wenig jüdisch….


Zitat 2

Als Durchmusterung und Prüfstein für die Habgier und Arroganz einer herrschenden Oberschicht war die Sunna möglicherweise das erstaunlichste Zeugnis, das ein besiegtes Volk je hervorbrachte. Denn die Ulama, ob es sich nun um ehemalige Kriegsgefangene, um Zoroastrier oder um Juden handelte, setzen sich überwiegend aus den Leidtragenden er Eroberung zusammen. Dank ihrer gemeinsamen Anstrengung jedoch errangen sie für sich eine außerordentliche, unbezwingbare Würde. Vermittler des göttlichen Willens waren sie und nicht ihre angeblichen Herren. Das Durcheinander aus Glaubenssätzen und -lehren, das Banden überwiegend analphabetischer Krieger aus der Wüste zusammen getragen hatten, wurde während nur eines Jahrhunderts in eine Advokaten-Religion verwandelt. Ein solches Werk, entstanden inmitten solcher Widrigkeiten, grenzt wirklich an ein Wunder.


Aber gleichzeitig war es eine Leistung, die als solche nie anerkannt werden durfte. Obwohl die Sunna klar erkennbar ein Produkt ihres Entstehungsorts einer Welt, in der gesetzesgläubige Geistesmenschen unterschiedlicher religiöser Provenienz sich seit Langem bemüht hatten, Gottes Willen in Worte zu fassen, konnte sie nur dann hoffen, erfolgreich zu sein, wenn sie ihre Wurzeln in einem solchen Boden leugnete. Für jedes Hadith musste zwingend nachgewiesen werden, dass es aus dem Innersten Arabiens stammte. So vorzugehen wie die Rabbis in den Jeschiwas oder die Rechtsgelehrten am Hof Justinians, die freudig von dem hohen Alter der Gesetze profitierten, die sie in eine Ordnung bringen sollten, kam also gar nicht in Frage. Ganz im Gegenteil: Wie ehrwürdig das Alter einer bestimmten Rechtsauffassung auch war - Gesetzeskraft konnte sie erst erlangen, wenn zuvor nachgewiesen war, dass sie zu Lebzeiten Mohammeds entstand.


Folglich wurde die Sunna auf einem Paradox aufgebaut: Je stärker sich die Ulama im Irak in ihrem Bestreben, eine gerechte Gesellschaft zu formen, auf das unvergleichliche Vermächtnis derer stützten, die seit Jahrtausenden das gleiche Ziel verfolgten, desto stärker identifizierten sie die Quelle dieser Weisheit mit einer kargen Wüste am Rand der Welt. Und sie lehrten, die Erfahrung einer perfekten Gesellschaft sei nur zu einem einzigen Zeitpunkt der Geschichte einem einzigen Ort gewährt worden: Medina zu Lebzeiten des Propheten. Die Rolle der Sunna und ihre überragende Würde bestand darin, dem muslimischen Volk als Wegweiser zu dienen, der ihm den Weg - die Shariah - zurück zum verlorenen Paradies aufzeigte.

Allerdings hatten sich auf dem Weg zum Paradies ja schon Wachtposten aufgestellt. Für die Umayyaden waren die Ansprüche der Ulama etwas sehr viel Bedrohlicheres als nur ein schlichter Affront. Wenn der Prophet jetzt wirklich auf den Sockel einer obersten, letztgültigen Autorität für das muslimische Volk gehoben werden sollte - welche Rolle blieb dann überhaupt noch für die ähnlich hoch fliegenden Ansprüche des Kalifen übrig? Sehr viel stand auf dem Spiel. Nicht nur der privilegierte Status Abd al-Maliks und seiner Erben als „Stellvertreter Gottes“ drohte unterminiert zu werden – die Rechtmäßigkeit ihres Führungsanspruchs insgesamt war schwer bedroht. Machte man aus dem Propheten den einzigen, wahren Urquell des Islam, dann musste alles, was nach ihm kann, den Charakter von Verfall und Untergang annehmen.


Zitat aus: Im Schatten des Schwertes. Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreiches. Tom Holland, übersetzt aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta 2012, Seite 411-413