• Norbert Bolz und FAGULON

Gerechtigkeitsrhetorik und Empörung in den Medien


Warum ist der Stil vieler Medien von Anklage, Empörung und Vorwurf geprägt? Auf der einen Seite kann man sich auf diese Weise als Journalist über diejenigen Menschen stellen, über die man berichtet. Es ist das schöne Gefühl der Überlegenheit, des Anklägers, Richters und Vollstreckers in einer Person. Das Fallbeil ist in der Tastatur des Laptops versteckt. Auf der anderen Seite bietet diese massenweise Anwendung von Framing-Techniken ein probaten rechtlichen Schutz bei den weit verbreiteten passiven Lügen in den Medien. Wird mit einer halbwahren oder sogar falschen Einschätzung ein vorwurfsvoller oder empörter Nebensatz verbunden, ist man auf der sicheren Seite.


So funktioniert nämlich das Presserecht: Wird eine Meinung mit einer falschen oder irreführenden Darstellung einer Person oder eines Vorganges verbunden, greift die Meinungsfreiheit des Presserechts. So geht jeder Prozess verloren, wenn sich der Angegriffene gerichtlich verteidigen will. Außerdem: Wer sich empört hat Recht. Das sagt den meisten Menschen ihr Bauchgefühl. Darauf kann man meistens vertrauen.


Zitat:

"Die Medien inszenieren den Skandal als demokratischen Schauprozess, den die Zuschauer lustvoll konsumieren. Der dort zumeist erhobene Ton ist nicht der Ton der Kritik, sondern der modischen Wut. Das erspart die Überzeugungsarbeit. Entrüstung gilt als Echtheitsbeweis. Wer früher kritisch war, ist heute wutschnaubend. Das funktioniert natürlich nur, weil es von der Mediendemokratie prämiert wird. Wut ist so demokratisch wie Angst jeder kann sie ausdrücken.


Die meisten Menschen können nicht sagen, was Gerechtigkeit ist, aber sie haben ein sehr genaues Empfinden für Ungerechtigkeiten. Offenbar genügt uns aber der Kampf gegen evidente Ungerechtigkeiten nicht. Ein Grund dafür liegt sicher auch im medialen Trommelfeuer der Gerechtigkeitsrhetorik. Soziale Gerechtigkeit durch „mehr Gleichheit“ ist heute ein Wert, dem man nicht nicht zustimmen kann - der Konsensbegriff Nr.1. Hier gibt es keinen Diskussionsbedarf mehr. Wie konnte es dazu kommen?


Es gibt eine berechtigte Leidenschaft für die Gleichheit, die die Menschen anspornt, sich um die Anerkennung und Achtung von ihresgleichen zu bemühen - man könnte sagen: eine Leidenschaft für die Gleichheit aus Stärke. Aber es gibt auch eine Leidenschaft für die Gleichheit aus Schwäche, wo die Schwachen versuchen, die Starken auf ihr Niveau herabzuziehen. Und in dieser Gleichheitssucht steckt die größte Gefahr der modernen Demokratie, nämlich die Verlockung, einer Ungleichheit in Freiheit die Gleichheit in der Knechtschaft vorzuziehen.

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, Wilhelm Fink Verlag, München, 2009, Seite 9