• Marc DeSargeau und FAGULON

Lächerliche Ausbildung der meisten Journalisten



"Angesichts der – trotz des Internets – immer noch riesigen Wirkungsmacht der etablierten Medien ist es einerseits erforderlich, die fachliche und menschliche Qualifikation der Journalisten zu evaluieren und gleichzeitig ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherzustellen. Hierzu könnten viele Elemente der Ausbildung und Reifung von Hochschullehrern genutzt werden. Rund 40.000 von ihnen gibt es in Deutschland. Sie durchlaufen einen langen - oft international ausgerichteten - Werdegang und Selektionsprozess von 15 und mehr Jahren, bis sie sich schließlich (zusammen mit vielen hochqualifizierten Konkurrenten) bei einem kompetenten Auswahlgremium um eine Berufung bewerben können. Dies ist eine wichtige Möglichkeit, die viel gelobte Freiheit exzellenter Forschung und Lehre zu ermöglichen. Die Kosten trägt der Steuerzahler – genauso wie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.


Warum sollten also Journalisten nicht einen ähnlichen, staatlich finanzierten Bildungs-, Reifungs- und Erfahrungsprozess in verschiedenen Bereichen des Lebens und in anderen Ländern durchlaufen müssen, bevor man ihnen erlaubt, täglich Millionen mit ihrer Meinung zu beeinflussen? Die gegenwärtige "Ausbildung" vieler Journalisten ist ein schlechter Witz. Viele dienen eine Weile als Praktikanten in Redaktionen, wo sie fast sofort ins kalte Wasser journalistischer Schnellschussproduktionen geworfen werden. In der Regel hat niemand Zeit und Lust, ihnen auch nur den Anschein von Ausbildung oder Anleitung zuteilwerden zu lassen, selbst wenn sie nach einiger Zeit auf einer Volontärstelle sitzen.


Haben sie dort rund zwei Jahre verbracht, dürfen sie sich ohne jegliche Überprüfung ihrer Leistungen und Erfahrungen als Redakteure bezeichnen und haben sich hoffentlich schon Seilschaften angedient, die sie als freie Mitarbeiter oder in Kurzzeitverträgen an Bord ziehen, oft aber auch wieder fallen lassen. So wird Existenzangst zur Grundstimmung vieler Journalisten. Nichts diszipliniert so gut wie Angst. Es ist also nachvollziehbar, dass fast alle Journalisten die Glaubenssätze von RELOCOMP (Religion of Overcompensations) und von WUVU (Wunschdenken, Visionen und Utopien)-Parteien und Organisationen vertreten, denen auch die Oberen in fast allen Redaktionen anhängen.


In keinem anderen Beruf ist so eine lausige Scheinausbildung erlaubt. Kein anderer Beruf erlaubt es, die eigenen halbgaren bzw. abgeschriebenen Meinungen unkontrolliert millionenfach zu verbreiten. Hier finden wir also die Kombination der schlechtesten Ausbildung mit der größten Wirkungsmöglichkeit aller Berufe.


Der eine oder andere von ihnen ist jetzt vielleicht versucht, den Einwurf zu machen, dass es doch Studiengänge für Journalisten gibt und dazu private "Journalisten-Akademien", wo hoffungsvolle Meinungsmacher ihr Handwerk lernen (sollen). Tatsächlich handelt es sich aber überwiegend um die üblichen Fächer der Palaverwissenschaften, die wenig Wissen von der realen Welt, aber viel schwammige Meinung und Ideologie vermitteln. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass die meisten studierten Journalisten ihre Abschlüsse in Politologie, Sozialwissenschaften, Literaturwissenschaften, Gender Studies und dergleichen gemacht haben."

Zitat aus: Die Religion der Überkompensationen, Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2021