• Gunnar Heinsohn und FAGULON

Lächerliche Unterschätzung Chinas


In den Köpfen vieler Menschen in den westlichen Ländern ist immer noch die Vorstellung von China als der verlängerten Werkbank der alten Industrienationen verankert. Bestenfalls gesteht man ihnen einige Erfolge als das Ergebnis von schlecht kopiertem oder skrupellos gestohlenen technologischen Erfindungen des Westens zu. Dass dies angesichts der Kombination von drei Komponenten inzwischen ganz anders ist, dämmert den meisten erst langsam. Diese drei Elemente sind: 1. Eine riesige Anzahl von Hochbegabungen, 2. die Kultur von Fleiß und Disziplin und der unerbittliche Fokus der Eltern auf den Erfolg ihres einzigen Kindes und 3. eine zentralistische Führung, die schnelle und radikale Entscheidungen möglich macht.


Schon 2015 vereinbart Peking mit Thailand den Bau eines Kanals (100 km lang, 500 m breit und 25 m tief) durch den Isthmus von Kra, der die für den Suez-Kanal erforderlichen Erdarbeiten um den Faktor 30 übersteigt. Er vermeidet die überfüllte Malakka-Straße (2,5 km breit und 25 m tief) und verkürzt den Seeweg nach Ostasien um 1200 km.

Gleichwohl werden Einschätzungen, dass die bisherigen chinesischen Leistungen weitgehend irrelevant seien, stetig lauter. Weil man sich zuvor mit den Prognosen für ein japanisch dominiertes 21. Jahrhundert so blamiert hatte, wollen wenigstens die vorsichtigen Autoren diesmal nichts falsch machen. Schon 2017 publiziert Michael R. Auslin The End of the Asian Century. Obwohl er den gesamten Kontinent in den Blick nimmt, kann von »Ende« natürlich nur die Rede sein,wenn China scheitert. Und dazu wird vom Altern, Überwachen und willkürlichen Verhaften bis hin zu Korruption und platzenden Preisblasen mit anschließenden Finanzcrashs alles vorgetragen, was negative Auswirkungen tatsächlich hat oder haben könnte. Ausgeblendet bleibt hingegen - wie bei den Japan-Analysen der 1980er Jahre - die Cognitive Ability. Oder bildhaft gesprochen: die Zahl der Klugen. Ganze Erdregionen werden immer noch nach Bevölkerungsmengen und Durchschnittsaltern, nicht jedoch nach Kompetenzen unterteilt.

Zitat aus: Gunnar Heinsohn, Wettkampf um die Klugen. Kompetenz, Bildung und die Wohlfahrt der Nationen. Orell Füssli Verlag, 2019, Seite 55