• Ulrich Vosgerau und FAGULON

Lebenslange Denunziation im Internet


Das Denunziationsmedium Internet vergisst nie. Wenngleich es in Einzelfällen vielleicht möglicht ist, eine Löschung von diffamierenden Artikeln oder Posts über die eigene Person zu erreichen, ist das doch in der Regel ein Pyrrhus-Sieg. Zwar können die Originalartikel gelöscht werden, aber sie haben sich meist in Form von unzähligen Kopien vermehrt und können so auf den verschiedenen Seiten wieder hochgeladen werden. Insofern steht man einer Diffamierung im Internet in der Regel ziemlich hilflos gegenüber. Das hat Konsequenzen, besonders für diejenigen, die noch dabei sind, sich auf der Karriereleiter nach oben zu quälen. Sie werden sehr vorsichtig und wenden die Schere im Kopf immer häufiger an. Dazu kommt die Angst, sich durch "Kontaktschuld" angreifbar zu machen. Wer will schon auf einer Demo mitmachen, von der später ein Foto auftaucht, das aus einer zufälligen räumlichen Nähe eine Gemeinsamkeit macht, indem es heißt: "Hier sieht man xy, wie er gemeinsam mit Rechtsextremisten demonstriert!"


Zitat: "Vor allem aber steht der Schwächung des Meinungsverbreitungsmonopols der großen Medien durch das Internet auf der anderen Seite die Verewigung des Denunziationspotentials durch die großen Medienportale gegenüber. Denn auch etablierte Massenmedien, wie zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung, betreiben ja bekanntlich Internetportale mit angeschlossenen Archiven, aus denen sämtliche früheren Artikel erschlossen werden können, und die großen Medienportale sind aufgrund der Bekanntheit und des eingeführten Markennamens ihrer Betreiber vielfach frequentiert und werden durch Suchmaschinen leicht gefunden, entsprechende Archivartikel bei der Recherche zum Beispiel eines Namens von den Suchmaschinen weit oben eingestellt und präsentiert.


Das bedeutet, dass ein verleumderischer Zeitungsartikel, der in den 1980er-Jahren nach 14 Tagen wohl allmählich auch in Vergessenheit geraten wäre, weil ja jeden Tag eine neue Zeitung erscheint, in der heutigen Zeit zur lebensbegleitenden Maßnahme wird und voraussichtlich auch nach 50 Jahren noch leicht ergoogelt werden kann. In Gesprächen mit meinen Studenten stelle ich immer wieder fest, dass gerade der Umstand, dass das Internet nichts vergisst, heute eine politisch ängstliche, duckmäuserische Jugend hervorgebracht hat. Die Grundhaltung, sich – weil jederzeit Anprangerung im Internet droht – allein schon aus vernünftigen Gründen der eigenen Selbsterhaltung einzig und allein auf beruflichen Erfolg und auf das Geldverdienen zu konzentrieren, ist in der Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart kaum weniger verbreitet als üblicherweise in Diktaturen.


Viele Studenten erklären mir auf Befragen, dass sie grundsätzlich unter keinen Umständen an einer politischen Demonstration teilnehmen würden, und wenn doch, dann ausschließlich an einer Demonstration, die von staatlichen Stellen organisiert worden sei und zu der wichtige Politiker aufgerufen hätten, weil sie etwa dem „Kampf gegen rechts“ dient – ansonsten sei das Risiko zu groß, am Ende auf der falschen Seite gestanden zu haben und damit dann im Internet zu landen."

Ulrich Vosgerau, Die Herrschaft des Unrechts. Die Asylkrise, die Krise des Verfassungsstaates und die Rolle der Massenmedien, Kopp Verlag, 2018, Seite 157-158