• Norbert Bolz und FAGULON

Absurde Beispiele politischer Korrektheit


Natürlich erwächst die "politische Korrektheit" - die übrigens früher mal ein scherzhaft gemeinter Begriff war - aus der "Religion der Überkompensationen", die DeSargeau in einem Buch genauer beschrieben hat. Sie ist zudem getrieben durch die Angst vor Sanktionen und einen immer rigider werdenden Gruppenzwang. Interessant und deprimierend ist allerdings, zu welch absurden Blüten diese Geisteshaltung sich zuweilen versteigt, ohne die Lächerlichkeit derselben zu bemerken. Heute sind es die Angriffe auf Denkmale in den USA oder die massenweisen Brandstiftungen und Plünderungen, mit denen man angeblich für eine Gleichstellung der Afro-Amerikaner demonstrieren will. Aber auch schon vor längerer Zeit hat diese Geisteshaltung absurden Ausdruck gefunden. Einige Beispiele finden sich in den nachfolgenden Zitat.


Zitat:

"Und auch im Alltagsleben haben wir uns längst an die Zensur der Politischen Korrektheit gewöhnt. 1985 brachte das Magazin Life eine Sonderausgabe zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, in dem 300000 amerikanische Soldaten (nicht SoldatInnen) starben, heraus und zeigte Bilder von 10 männlichen und 7 weiblichen Helden. Im Vietnamkrieg starben 57000 amerikanische Männer und 8 amerikanische Frauen. Ihrer wird gedacht mit Monumenten auf der Mall von Washington. Es sind die Figuren von 3 Männern und 3 Frauen. Das ist Politische Korrektheit.


Geschichtsfälschung ist das eine. Politische Korrektheit nennt man aber auch den Kampf gegen die biologische Realität, also gegen unser Schicksal. Dabei wechseln die Schauplätze der Politischen Korrektheit in rascher Folge. Man kämpfte erst gegen den Rassismus – noch recht amerikaspezifisch. Mit der Ausweitung der Kampfzone auf den Sexismus konnte man dann auch europäische Frauen und Schwule faszinieren.


Heute polemisiert die Politische Korrektheit gegen Altersdiskriminierung - und wird damit zur modischen Massenideologie. Doch der Sensibilität für Benachteiligungen sind keine Grenzen gesetzt. Wer einen Behinderten nicht als „anders befähigt" anerkennt, macht sich des „ableism“ schuldig. Und wer wie Goethe in der Schönheit ein Verdienst sieht, leidet an „lookism“. Diese beliebig vermehrbaren Beispiele zeigen sehr schön, wie die Menschen in der Mediendemokratie durch die Sprache versklavt werden. René Girard hat in diesem Zusammenhang von Verbalexorzismen gesprochen, und in der Tat geht es um eine neue Form von Inquisition, um eine politische Säuberung der Sprache. Früher nannte man das Linientreue."

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, Wilhelm Fink Verlag, München, 2009, Seite 32