• Marc DeSargeau und FAGULON

Das widersinnig vereinnahmende "wir"



„Die ständige Verwendung des Personalpronomens "wir" ist in den meisten hier besprochenen Zusammenhängen absurd oder lächerlich. Warum? Weil der Sprecher oder Schreiber damit die Schuld, die Versäumnisse oder Fehler von längst vergangenen Generationen oder von Menschen, auf die er nicht den geringsten Einfluss hat, auf sich selbst überträgt. So wird der zunächst nobel anmutende Eindruck erweckt, man wolle nicht mit Fingern auf andere zeigen, während man sich selbst auf der Seite der Guten und Gerechten wähne. Allerdings sind es genau diese Selbstgerechtigkeit, diese Arroganz der bessermenschlichen Bescheidenheit - sowie das damit einhergehende Rollenspiel - welche bei fast allen RELOCOMP-Propagandisten die wahren Quellen ihres Eifers ausmachen.

Durch diesen Formulierungstrick sind "wir" verantwortlich für (alle) Fehler und Verbrechen aus Vergangenheit und Gegenwart. "Wir" sollen (oder wollen) deshalb durch kollektive Scham und überkompensatorische Wiedergutmachung wenigstens einen Teil "unserer" Schuld abtragen. Dieses Verhalten ist "politisch korrekt". …


Um etwas zu bewirken, ist es jedoch entscheidend, die Verantwortlichen für ein Problem und für die möglichen Lösungen zu identifizieren und öffentlich zu benennen. Wenn man nicht direkt, persönlich und spezifisch mit dem Finger auf diese Personen, Institutionen, Firmen oder Organisationen weist, dann werden sie sich weiter hinter einem kollektiven Versagen verstecken können. Ein Staatsanwalt käme nie auf die Idee, bei der Anklage eines Gesetzesbrechers jeden Satz mit "wir" zu beginnen. Zum Beispiel so: "Als wir den zehnten Wodka getrunken hatten und der Rüdiger immer enger mit der Monika tanzte, da war unsere Ehre so schwer verletzt, dass wir unser Messer aus der Jacke holten und es - ohne jede Tötungsabsicht - dem Mistkerl direkt ins Herz stießen."


Oft wird auch die "wir"-Illusion unter Verwendung des Begriffs "Community" benutzt, obwohl sich die entsprechenden Gruppen untereinander oft heftig bekämpfen, häufig sogar Mord und Totschlag den Alltag bestimmt. Hier hat das "wir" primär die Funktion einer Abgrenzung gegen alle anderen Gruppen der Gesellschaft und soll als eine Art emotionaler Kit zum Zusammenhalt der eigenen Gruppe beitragen. Dies gilt z.B. für die "African-American Community" und die "Latino-Community" in den USA, aber auch für die "Gemeinschaft" der Anhänger des Islam im Nahen Osten und in Europa.“


Zitat aus: „Gesetze der Symbiose von Wunschdenken, Wahrnehmungsfilter und Selbstzensur“ (politische Belletristik in Form einer fiktiven Vortragsreihe mit eingeschobenen, politisch korrekten Vorschlägen zur Gegenpropaganda) von Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2020, Seite 49-52