• Hamed Abdel-Samad und FAGULON

Der einzige Weg zu einer Reform des Islam



Die ersten beiden Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg haben in vielen muslimischen Ländern große Umwälzungen hervorgebracht. Oft haben Diktatoren die Macht übernommen, deren Regime weltlich und von sozialistischen Ideen inspiriert war. Dementsprechend wurde der konservative Islam in den Hintergrund gedrängt, was von vielen Menschen - insbesondere Frauen - als Befreiung empfunden wurde. Kaum jemand hatte erwartet, dass sich dieser Trend wieder umkehren ließe, d.h. dass die alten archaischen Traditionen des Islam zu einer alles andere überdeckenden Macht aufsteigen könnten. Das ist jedoch in fast allen islamischen Ländern geschehen. Damit sind aber auch die Probleme zurückgekehrt, die schon seit Jahrhunderten die Entwicklung in Richtung einer modernen Gesellschaft behindern und zur Bildung abgeschotteter Parallelgesellschaften in den westlichen Industrieländern geführt haben. Die Hoffnungen auf einen Siegeszug des moderaten, aufgeklärten und modernen Islam haben sich zerschlagen.


Zitat

Die Krankheit des Propheten beginnt bei seinem persönlichen Leiden, aber sie wird genährt von einem Gottesbild, das weder Verhandlung noch Eigenverantwortung kennt. Ein Gott, der die Menschen fernsteuert und alles für sie durch Gebote und Verbote regelt. Er überwacht die Menschen und bestraft sie für jeden Fehltritt, ja sogar für die »falschen« Gedanken, und er darf nicht in Frage gestellt werden. Er entscheidet alles und lenkt alles. Allah macht die Geschichte, nicht die Menschen und ihr Tun. Hier liegt der Kern des Problems - und ein Hinweis auf seine Lösung. Das, woran die islamische Welt krankt, kann nur geheilt werden, wenn Muslime sich von den multiplen Krankheiten des Propheten lösen: Fatalismus, Zwangsstörung, Selbstüberschätzung, Paranoia, Kritikunfähigkeit sowie die Neigung zum Beleidigtsein.


Auch das verzerrte Bild Gottes, das Vorbild für Despoten geworden ist, muss in Frage gestellt werden. Eine Reform, die es nicht wagt, das Trio von Mohamed, Allah und dem Koran zu relativieren, ist keine Reform, sondern ein Selbstbetrug. Fundamentalismus und Intoleranz sind nicht eine Folge der Fehlinterpretation der Texte, sondern eine Folge ihrer Überhöhung. Die Reform des Denkens beginnt, wenn Muslime es wagen, Mohamed aus dem Käfig der Unantastbarkeit zu entlassen und ihn Mensch werden zu lassen - Mensch, der er ja immer war. Erst dann können sie selbst aus seinem/ihrem Gefängnis ausbrechen und Teil der Gegenwart werden, die nicht von Gott, sondern von den Menschen bestimmt wird!


Zitat aus:

Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 220-221