• Marc DeSargeau und FAGULON

Die Arroganz der "Rechtgläubigen"


"Ein wichtiges Element der Rechtfertigung gutmenschlicher Glaubenswahrheiten ist die Flamme der Empörung. Sie signalisiert die Echtheit und Dringlichkeit des Anliegens ebenso wie die moralische Überlegenheit der empörten Bessermenschen. Allerdings beleuchtet diese Fackel meist nur die Oberfläche des Problems. Der komplexe Problemraum dahinter wird nicht erhellt, sondern überstrahlt und vergessen. So kann man sich die tiefgründige Analyse - die Zeit und Kenntnisse erfordern würde - sparen und sich genüsslich am Lagerfeuer der Empörten wärmen.


Es gibt eine Eigenschaft, die bei fast allen fundamentalistischen Anhängern "allein selig machender" Religionen anzutreffen ist und auch viele RELOCOMP (Religion of Overcompensations)-Aktivisten auszeichnet. Es handelt sich um die mitleidig lächelnde Arroganz der rechtgläubigen Bescheidenheit. Die Grundlage hierfür ist die feste Überzeugung: "Ich habe Recht und bin deshalb gut. Du hast Unrecht und bist deshalb böse und gefährlich. Ich habe mir den Lohn Gottes/der Partei/der Medien/der Umwelt etc. sauer verdient und lasse ihn mir nicht entreißen." Allerdings wird diese Gewissheit im eben erwähnten Sinne unter gespielter Bescheidenheit versteckt. Nun erscheint eine andere Haltung, die sich am besten so beschreiben lässt: "Ich verzeihe dir und hoffe, ich kann dich auf den rechten Weg zurückführen!" Wie bei den Zeugen Jehovahs wird diese mit dem liebevollen Lächeln der Guten umrahmt. Es ist allerdings vergiftet durch Mitleid, Herablassung und gespielte Traurigkeit der Bessermenschen über die Sünden und Irrtümer der Ungläubigen.


Daneben gibt es aber auch noch eine gefährliche Variante bessermenschlicher Arroganz: Weil sie auf der Seite des "Guten" stehen, glauben z.B. viele WUVU (Wunschdenken, Visionen und Utopien)-Anhänger auch richtig zu handeln, wenn sie auf Demonstrationen gegen das "Böse" gewalttätig auftreten. So wird das Verprügeln von rechtsgerichteten Gegendemonstranten als gute Tat gewertet und deshalb ignoriert oder entschuldigt. Demgegenüber ist die Gegengewalt der anderen Seite natürlich als präfaschistischer Ausdruck von Bosheit und Hass zu beschreiben. Genauso fühlen und argumentieren Fanatiker der sunnitischen und schiitischen Richtung des Islam. Ähnlich war es auch bei den Aktivisten der 68er Bewegung."


Zitat aus: „Gesetze der Symbiose von Wunschdenken, Wahrnehmungsfilter und Selbstzensur“ (politische Belletristik in Form einer fiktiven Vortragsreihe mit eingeschobenen, politisch korrekten Vorschlägen zur Gegenpropaganda) von Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2020, Seite 212-213