• Norbert Bolz und FAGULON

Der enge Pfad der politischen Korrektheit


Obwohl dieses Zitat schon mehr als 10 Jahre zurückliegt, ist es aktueller als je zuvor. Inzwischen sind viele Bücher zu dem Thema erschienen, z.B. Sarrazins "Der neue Tugendterror" oder jüngst Kunkels "Lügenpresse". Manches mag in diesen Büchern, die auch eine Reaktion auf eigene leidvolle Erfahrungen sind, zunächst übertrieben erscheinen. Wenn man aber den Blick auf den wirklich absurden Terror zur Erzwingunge politisch korrekter Meinungskorridore an Schulen und Universitäten der USA betrachtet, dann erscheint einem vieles in diesen Büchern eher noch vorsichtig formuliert zu sein. Die unabhängigen Medien im Internet erweitern diese verengten Pfade oder weisen neue Wege durch die Vielfalt der Wirklichkeit. Allerdings sind sie immer stärker der willkürlichen Zensur ausgesetzt, die man eigentlich nur aus den stalinistischen Diktaturen kannte. Insofern hat dieses Zitat inzwischen einen fast prophetischen Charakter.


Zitat:

"Kein Phänomen unserer Zeit bestätigt die unheimliche Aktualität Tocquevilles eindringlicher als die Sprachpolitik der Politischen Korrektheit. Sie sabotiert die Meinungsfreiheit. Das hat der Wirtschaftswissenschaftler Carl Christian von Weizsäcker sehr gut erkannt: Wenn zwar formal Meinungsfreiheit besteht, jedoch in Wirklichkeit die Äußerung abweichender Meinungen von denen bestraft wird, die die Macht haben, dann herrscht keine eigentliche Meinungsfreiheit. Der freie Diskurs ist gestört. Man hört nur politisch korrekte Äußerungen. Von einer eigentlichen Demokratie kann nicht gesprochen werden.


Heute wird die abweichende Meinung schärfer kontrolliert als die abweichende Handlung. Auf die abweichende Meinung reagiert man nicht mit Widerspruch, sondern mit Empörung. Es gibt eine Art progressiver Steuer auf Meinungen, die von der Politischen Korrektheit abweichen. Und so kann sich die Orthodoxie der öffentlichen Meinung am Ende sogar gegen die Majorität durchsetzen, die dadurch erst wirklich zur „schweigenden Mehrheit" wird – ein Phänomen, das die von Tocqueville inspirierte Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann die Schweigespirale genannt hat.


Diese Sprachpolitik hat aber erst dann ihr Ziel erreicht, wenn die Menschen unfähig sind, einen politisch unkorrekten Gedanken zu denken. Die Sprachpolitik der Politischen Korrektheit kann unmittelbar anknüpfen an Rousseaus positiven Begriff der Zensur als Sprachregelung. Der Wille des Volkes will immer das Richtige, kann es aber nicht sagen und braucht deshalb einen Dolmetscher. Die öffentliche Meinung und kollektive Entscheidungsprozesse „waschen und reinigen“ die Präferenzen des einzelnen; er kann nur einen kleinen Ausschnitt seiner Vorlieben und Überzeugungen als Anspruch in die politische Öffentlichkeit tragen."

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, Wilhelm Fink Verlag, München, 2009, Seite 28