• Marc DeSargeau und FAGULON

Die Qualen vor Wahlen (4): Schublade auf – Brandmahl auf die Stirn – Schublade zu!



Der Hintergrund dieses Textes:

Es handelt sich um gekürzte Zitate aus dem Buch „Die Kunst der passive Lüge“ von Marc DeSargeau, erschienen im August 2021 im FAGULON-Verlag. Das ist kein Sachbuch, sondern eine literarische „Faction“. Dieser „Ratgeber“ ist eine Verbindung von ironischer Realitätsbeschreibung und literarischer Erfindung.

Was sind passive Lügen? Sie sind viel gefährlicher als die echten Lügen: Sie verwenden nämlich Ausschnitte der Wahrheit und verarbeiten sie in einer Weise, die beim Empfänger solcher „Informationen“ ein Bild entstehen lassen, welches mit der Realität nicht viel zu tun hat. Mit solchen Methoden wird auch die Diskreditierung von abweichenden Meinungen sowie von missliebigen Personen und Medien vorgenommen. Dabei lautet das Motto: „Schublade auf – Brandmahl auf die Stirn – Schublade zu!“ Eine Übersicht über 69 Methoden passiver Lügen ist auf www.passive-luege.com zu finden.


Tabuisierung von Gedanken

Denkfreiheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr


Wenn Sie politische Aktionen oder gesellschaftliche Bewegungen hemmen oder unterstützen wollen, dann eignen sich besonders die Methoden der Rahmung. Sie bieten hierzu vielfältige Möglichkeiten, die genau auf die konkrete Situation angepasst und optimiert werden können. Allerdings handelt es sich hier schon um Vorgänge, bei denen die dahinter stehenden Gedanken oder Empfindungen bereits in konkretes Handeln umgesetzt wurden. Besonders, wenn man bestimmte Aktivitäten hemmen will, ist es oft schon zu spät: Viele Menschen haben sich organisiert, ihre eigene Filterblase aufgebaut, Energie und Herzblut in die Sache investiert und eine gewisse Solidarität untereinander entwickelt. Oft entsteht sogar eine Art Bunkermentalität.


Es ist deshalb wichtig, die Gedanken und Konzepte, die das Fundament unerwünschter Aktivitäten darstellen, zu tabuisieren. Sie sind also gut beraten, mit Hilfe von Journalisten und Internetplattformen in der veröffentlichten Meinung ein Klima zu erzeugen, in dem all jene, die unerwünschte Gedanken zum Ausdruck bringen, so stark und persönlich angegriffen werden, dass sie sich wie Aussätzige fühlen müssen. Dazu müssen Sie nur eine passive Lüge aus den Methodenpakten A bis D auswählen. Das funktioniert eigentlich immer. Selbst wenn diese Personen auch nach Löschung ihrer Kanäle in sozialen Medien oder durch die Ablehnung ihrer Artikel in den konventionellen Medien nicht ganz zum Schweigen zu bringen sind, ist doch die Signalwirkung auf andere der eigentliche Zweck solcher Aktionen. Viele Menschen werden beobachten, wie ein Abweichler behandelt wird und verstehen die Botschaft: Diese Gedanken sind tabu. Wer sie äußert, muss mit den gleichen Attacken rechnen. Freunde und Kollegen distanzieren sich – auch als Selbstschutz. Die berufliche Existenz kann zerstört werden. Also werden die meisten Beobachter sich langsam an das Tabu, welches solche Gedanken umrankt, gewöhnen und schweigen. Als Beispiele können unerwünschte Meinungen zur Flüchtlingspolitik oder zum Einfluss des Menschen auf das Klima dienen.


Gleiches gilt natürlich auch, wenn es darum geht, Meinungen zu unterdrücken, die sich gegen eine erwünschte politische oder gesellschaftliche Entwicklung richten. Es muss z.B. zu einem Tabu werden, Kritik an der gendergerechten Sprache in den Medien, in Stellungsausschreibungen und offiziellen Dokumenten zu üben. Besonders die Methoden der Rahmung eignen sich, um dies zu erreichen. Gleiches gilt natürlich auch für Kritik an der Berichterstattung über Lesben, Schwule, Transen etc. oder der #meetoo- und Black-Lives-Matter- Bewegung.

Wenn die Äußerung solcher Gedanken mit der ständigen Angst vor öffentlichen Angriffen verbunden wird, entsteht mit der Zeit ein Tabu, welches von dem meisten Menschen schon bald als selbstverständlich, weil „politisch korrekt“ akzeptiert wird. Man darf den Faktor der allmählichen Gewöhnung nicht unterschätzen! Die Erfahrung hat gezeigt: Eine Tabuisierung, die anfänglich noch auf wütenden Widerstand stößt, wird im Laufe der Zeit Teil der Normalität.


Tabuisierung von Worten und Redewendungen

Gutsprech für alle, sonst gibt’s Krawalle!


Gedanken drücken sich in Worten aus und verdichten sich symbolhaft in Begriffen. Es ist deshalb nötig, auch bestimmte Begriffe mit einem Tabu zu umranken. Allein deren Verwendung entlarvt dann denjenigen, der sie benutzt, bereits als jemand, der Meinungen vertritt, die möglichst unterdrückt werden sollten. Als aktuelle Beispiele kann man hier einige Begriffe anführen, die Sie mit einem rassistischen oder rechtsextremen Gedankengut verbinden können, um sie dadurch zu einem Tabu zu machen. Dazu gehören natürlich besonders die bereits länger tabuisierten Worte „Neger“, Zigeuner oder „völkisch“. Aber auch Rasse und Nationalstolz lassen sich leicht umdeuten. Inzwischen hat sich die Tabuisierung sogar auf die Entfernung von Namen von Speisen, Backwaren, Straßen und Faschingsverkleidungen ausgedehnt. Sogar einige Märchenbücher und Zeichentrickfilme werden in diesem Sinne bereinigt. Aus dem gleichen Grund sollen wir Jahresendfiguren aus Schokolade essen und uns auf Jahresendfeiern oder Jahresend-Märkten betrinken. Wir können aber davon ausgehen, dass sich der anfängliche Widerstand legen wird und diese Tabus bald Teil der Normalität sein dürften.


Allerdings lassen sich die tabuisierten Begriffe mit Hilfe von passiven Lügen auch wunderbar nutzen. Sie fragen sich wie? Ganz einfach: Wenn Sie z.B. von einem politischen oder persönlichen Feind behaupten, er habe das sogenannte „N-Wort“, also Nigger benutzt, können Sie in den USA seine berufliche Existenz vernichten. Kürzlich reichte sogar die Erinnerung eines Studenten an einen Abenteuer-Urlaub mit einem langjährigen Redakteur der New York Times in Südamerika. Dort soll er vor zwei Jahren das N-Wort in scherzhafter Unterhaltung benutzt haben. Nun ist er fristlos entlassen worden. Eine Schulleiterin postete auf Twitter „all lives matter“ statt des ideologisch geforderten Slogans „black lives matter“. Am nächsten Tag war sie arbeitslos. Genauso können Sie es in Deutschland auch machen. Es reicht also, wenn Sie jemand unterstellen, er habe irgendwann „muslimische (oder afrikanische) Scheinflüchtlinge“ gesagt und schon ist er in einem ideologisch korrekten Umfeld rettungslos verloren. Die Beweislage interessiert nicht mehr.

Aber auch Redewendungen müssen oft tabuisiert werden. Am besten gelingt dies, indem sie automatisch mit einer rechtsextremen Gesinnung verbunden werden, selbst wenn man sie nicht in diesem Sinne gebraucht. Das ist notwendig, weil bestimmte Redewendungen eine Art von Fluchtkorridor eröffnen, durch den sich Menschen einer Debatte über ideologisch korrektes Handeln entziehen können. Als Beispiele können Formulierungen wie: „Ich habe ja generell nichts gegen Ausländer“ oder „Das wird man wohl noch sagen dürfen“ dienen. Wenn man solche Floskeln als Indiz für Fremdenfeindlichkeit und rechtsextreme Gesinnung tabuisiert, dann ist dieser Fluchtweg versperrt. Sie haben damit nicht gelogen, sondern können sich mit einer einfachen passiven Lüge schützen. Sie behaupten einfach, lediglich die wahre Meinung als Licht zu bringen, die sich hinter dem sachlich unanfechtbaren Satz verbirgt. Natürlich wird sich der so Angegriffene wütend verteidigen. Das erzeugt jedoch bei den meisten Menschen nur den Eindruck, dass er etwas verbergen möchte. Er bestätigt also scheinbar Ihre Unterstellung.


In der gleichen Weise können Sie die Verwendung des Wortes „normal“ mit Hilfe einer passiven Lüge zu einer Waffe umschmieden, die sich gegen jeden richtet, der dieses Wort in bestimmten Zusammenhängen verwendet. Wenn er z.B. sich für die Wiederherstellung „normaler Verhältnisse“ in einer Stadt oder dem ganzen Land ausgesprochen hat, dann bietet es sich an, die dahinter stehende Gesinnung zu entlarven. Sie können leicht argumentieren, dass „normal“ in dem Sinne gebraucht wurde, dass die alten Verhältnisse wieder hergestellt werden sollten. Es reicht zu behaupten, hinter dem Wort „normal“ würde sich eine ganz andere Bedeutung verbergen, nämlich die Dominanz der alten weißen Männer und damit die Fortsetzung der Ausgrenzung und Unterdrückung von Minderheiten (Migranten, LGBT, andere Ethnien, andere Kulturen etc.).


Die Forderung nach „Normalität“ in der Sprache ist oft gegen die Verwendung der gendergerechten Formulierungen gerichtet. Man will nicht immer Arbeiter*Innen etc. sagen oder Schüler und Schülerinnen. Praktisch alle Menschen verbinden mit der traditionellen Zuweisung virtueller Geschlechter (Bürgermeister, Polizist etc.) keine Beschränkung auf das männliche Geschlecht. Sie wollen deshalb auch nicht auf holprige Formulierungen wie das Partizip 1 (z.B. Lernende) oder das Partizip 2 (z.B. Geflüchtete) ausweichen müssen. Sie können deshalb leicht mit Hilfe der Methode der Tabuisierung der alten Worte der „Beweis“ erbringen, dass es sich bei denjenigen, die diese verwenden, um rechtslastige Ewiggestrige handelt. Je mehr sich der Beschuldigte dagegen wehrt, desto weiter wird er sich in den Fallstricken der Argumentation verfangen, wenn Sie diese nur geschickt genug auslegen.

Natürlich muss man sich bei der Tabuisierung von Worten auch der Häme derjenigen stellen, die zu den alten Gewohnheiten zurückkehren wollen. Zum Beispiel wird der Ersatz der Begriffe „Nutte“ oder „Prostituierte“ durch „Sexarbeiter*Innen“ natürlich verspottet. So entsteht dann die Forderung, den letztgenannten Begriff durch den Terminus „Vaginalfachverkäuferin“ oder „Analfachverkäufer“ zu ersetzen. Sie müssen auch damit rechnen, dass der ideologisch korrekte Begriff „emanzipierte Singlefrau“ durch die ironisierende Formulierung „Alleinlebende mit Frustrationshintergrund“ ersetzt wird. In solchen Fällen sollten Sie nicht reagieren. Totschweigen ist eine sehr effektive Strategie!


Tabuisierung von Personen

Wer sich mit Kassandra ins Bett legt, sollte sich über Mundgeruch am Morgen nicht wundern


Wie bereits in Elementen der Methodenpakete A und B beschrieben wurde, können Sie jeden beliebigen Menschen in der Wahrnehmung von anderen zu einem Rassisten, Rechtsextremen oder sogar Neo-Nazi machen. Wenn dies lange genug von verschiedenen Seiten in der Öffentlichkeit getan wird, setzt das Phänomen der Entstehung von „Wahrheit“ durch die Wiederholung ein. Solche Personen sind dann meist dauerhaft „eingefärbt“, so dass jede ihrer Handlungen oder Äußerungen durch die Brille der Vorurteile betrachtet wird, die diese Farbe mit sich bringt. In den meisten Fällen ist dies heutzutage die Farbe braun, weil sich der ideologisch korrekte Wahrnehmungsfilter bei Linksextremen sehr eingetrübt hat.


Das Resultat einer solchen Einfärbung ist die Tabuisierung dieser Personen. Wer sie zu Diskussionen einlädt oder ihre Werke und Äußerungen objektiv und neutral diskutiert, ist schnell mit dem Makel der Kontaktschuld behaftet. Diese böse Farbe der tabuisierten Personen hat gewissermaßen durch die Nähe zu ihnen abgefärbt. Es ist ungefähr so, als hätte man sich auf eine frisch gestrichene Bank gesetzt. Das Tabu hat also die gleichen Folgen, die in archaischen Gesellschaften üblich waren. Wenn man vermutete, jemand wäre von bösen Geistern besessen, war der Umgang mit dieser Person tabuisiert. Die bösen Geister könnten ja auf einen selbst überspringen. In der Sprache der modernen Propaganda-Strategen heißt dieses Verfahren auch „flash over“.


Genauso ist es heute, wenn man z.B. die „Infektion“ mit rechtem Gedankengut durch eine tabuisierte Person vermeiden will. Also werden diese Menschen aus vielen Bereichen der Gesellschaft ausgeschlossen. Sie verlieren ihre Jobs und Parteimitgliedschaften, Freunde und Bekannte distanzieren sich – sogar in der eigenen Familie gehen einige auf Abstand. In den Medien werden sie oft totgeschwiegen, wenn sie als Hassobjekt ausgedient haben. Es bleibt also nur die Hinwendung zu Kreisen mit ähnlichen Auffassungen. Genau das können Sie aber als einen weiteren Beweis für die Richtigkeit der Tabuisierung nutzen, wenn Sie z.B. immer wieder solche Formulierungen verwenden: „xyz verkehrt ausschließlich in rechten Kreisen“.