• Hamad Abdel-Samad und FAGULON

Lüge und Täuschung im Dienste Allahs


In der politischen Diskussion über den Iran stellt sich immer wieder die Frage des Vertrauens: Kann man dem Iran vertrauen, wenn er behauptet, keine Kämpfer und Waffen die umliegenden Länder (Palästina, Libanon, Jemen, Syrien u.a.) zu entsenden? Kann man glauben, dass die Houthis ganz allein in der Lage waren, hochpräzise Raketen auf die saudischen Ölraffinierien abzuschießen und die Luftabwehr zu unterlaufen?

Kann man den iranischen Versicherungen hinsichtlich ihres Desinteresses am Bau von Atombomben glauben? Die richtige Antwort darauf ist wohl fast immer "Nein". Das ergibt sich auch aus einer Besonderheit des muslimischen Glaubens, die besonders bei den Shiiten seit Beginn der Abspaltung vom sunnitischen Islam etabliert ist. Im Westen ist sie fast unbekannt. Hamad Abdel-Samad erklärt das so:


Zitat:

"Das arabische Wort Taquiyya bedeutet „Vorsicht“ oder „Furcht“ und bezeichnet im schiitischen Islam die Erlaubnis, bei einer großen Bedrohung des eigenen Glauben zu verheimlichen. Das Prinzip stammt aus den ersten Jahren des Islam, als Muslime noch eine schwache Minderheit in Mekka waren. Ihnen war es erlaubt, rituelle Aufgaben zu vernachlässigen, ihren Glauben zu verbergen oder auch zu leugnen, um sich vor den übrigen Mekkanern zu schützen. …….


Der Islam war bald sehr erfolgreich mit seinen Eroberungen, und die Muslime bildeten rasch die Mehrheit oder stellten zumindest die Herrschaftselite in den eroberten Gebieten, somit war die Verstellung und das Leugnen des eigenen Glaubens nicht mehr notwendig. Anders war es bei den Schiiten, die sich wenige Jahre nach dem Tod Mohameds abspalteten. Sie waren es, die das Prinzip tagīyya einst prägten, als Selbstschutzmaßnahme, um sich vor Verfolgung zu schützen. Einem Schiiten war es demnach erlaubt, seine konfessionellen Ansichten zu verbergen, um sein Leben zu schützen.


Man durfte sich verstellen, lügen oder andere täuschen, um von sich und seiner Familie Gefahren abzuwenden. Ayatollah Khomeini erweiterte dieses Prinzip und erlaubte seinen Anhängern, sich als Atheisten zu geben, um Zugang zum Verwaltungsapparat des Schahs zu bekommen und das System zu unterwandern. Khomemi schreibt: »Sollten die Umstände der taqiyya einen von uns veranlasst haben, sich dem Gefolge der Machthaber anzuschließen, dann ist es seine Pflicht, davon abzulassen, es sei denn, seine rein formale Teilnahme brächte einen echten Sieg für den Islam.«

Auch in der Frühphase der Revolution verbarg er mit Hilfe dieses Prinzips seine Absichten und führte Linke und Bürgerliche damit in die Irre, bis er alle Zügel an sich gerissen hatte. Dabei hätte jeder wissen können: In seiner Schrift „Der islamische Staat“ hat er alles bestens dargelegt.….


Heute wird der iranischen Führung übrigens im Zusammenhang mit dem Atomprogramm taqiyya vorgeworfen, da sie gebetsmühlenartig von einer rein friedlichen Nutzung der Atomenergie redet. Der Begriff taqiyya wird auch in der Islamkritik immer wieder verwendet, aus meiner Sicht oft übertrieben und inflationär. Da werden alle Muslime, ungeachtet ihrer ideologischen Ausrichtung, als Lügner dargestellt, die ihre wahren Absichten verbergen würden, bis sie Europa erobert haben. Man kann nicht alle Muslime über einen Kamm scheren. Tut man es doch, ist dies eher Ausdruck von Paranoia. Wer 1,5 Milliarden Muslimen vorwirft, die identischen Absichten und Ziele zu verfolgen, gehorcht dem gleichen Denkmuster wie ein Islamist, der glaubt, der gesamte Westen denke in identischen Schablonen und verfolge ein einziges Ziel- nämlich das, den Islam zu vernichten."

Hamad Abdel-Samad, Der islamische Faschismus, Eine Analyse, Droemer Verlag, 2014, Seite 158 und 159