• Marc DeSargeau und FAGULON

Wie entsteht Rudeljournalismus?


"Die Standardfrage von Chefredakteuren und Parteipropagandisten "Versteht das auch die Kittelschürze?" ist ein krimineller Missbrauch ihres Einflusses auf die Bevölkerung. Sie reflektiert allerdings auch die Erkenntnis, dass man es mit 20 Millionen Rentnern und rund 7 Millionen funktionalen Analphabeten in der deutschen Bevölkerung zu tun hat. Allerdings spricht daraus auch die Bequemlichkeit. Man kann so die Vervielfältigung des eigenen gefilterten Halbwissens mit dem Motiv einer besseren Verständlichkeit rechtfertigen.


Die Realitäten des Journalistenlebens werden sorgfältig gegenüber Außenstehenden verborgen, weil sie peinlich und demütigend sind. Sie stehen in eklatantem Gegensatz zu der Rolle als Besserwisser, Kritiker, Ankläger und Richter, in welche sich die meisten Journalisten gedrängt sehen (wollen). Einerseits bestehen viele Redaktionen aufgrund des Sparzwanges zu einem erklecklichen Teil aus Praktikanten, Volontären und freien Mitarbeitern. Besonders die beiden erstgenannten arbeiten für einen Hungerlohn und werden oft schon nach einer Woche so eingesetzt, als wären sie erfahrende Redakteure. Dies gilt besonders bei den privaten Sendern und Printmedien.


Also bleibt ihnen nichts anderes übrig, als unter hohem Zeitdruck irgendetwas zu produzieren, was in der Regel nur eines bedeuten kann: Man muss von anderen abschreiben. Sie leben in ständiger Sorge um ihre Zukunft und ihr finanzielles Auskommen und können sich naturgemäß nicht einmal ein wenig Halbwissen anlesen. Für richtige Recherchen bleibt keine Zeit. Unwissenheit oder gefiltertes Halbwissen werden so zum Ausgangsmaterial ihrer Berichterstattung oder Kommentierung. Was liegt in einer solchen Situation näher, als die „politisch korrekten“ Standpunkte der angeblichen Edelfedern großer Medien zu übernehmen?


Hierfür wird gelegentlich der Begriff "Rudeljournalismus" verwendet. Richtiger müsste es jedoch heißen: das ängstliche Rudel passiver Lügner. Ängstlichere Stimmen sprechen von einer "abnehmenden Vielfalt in der Medienberichterstattung", meinen jedoch genau das Gleiche. Die festen Jobs werden immer rarer und unsicherer. Immer weniger Journalisten trauen sich deshalb, die "politisch korrekten" Pfade zu verlassen, auf denen ihre Kollegen dahintrotten. Durch das hunderttausendfach oder millionenfach rezipierte Schreiben oder Reden eines einzelnen Publizisten wird leider der Eindruck erzeugt, es handele sich um die Meinung vieler, d. h. die "öffentliche" Meinung, während es sich in Wahrheit meist nur um die veröffentlichte Meinung eines einzelnen Menschen mit ungenauer Sachkenntnis handelt. ...


Es ist fast überflüssig, die anderen Gründe näher zu betrachten, welche aus der offiziell propagierten Pressefreiheit eine institutionalisierte Farce machen. Dazu gehört die Monopolisierung der Medien, die sowohl in Deutschland als auch in den USA nur wenigen großen Konzernen gehören. Eine Vielfalt wird dadurch vorgetäuscht, dass die Zeitungen, Verlage, Radio- und TV-Stationen ihre alten Namen behalten, nachdem Großkonzerne sie kauften und danach das Mantra von der Unabhängigkeit der Redaktionen verbissen abgespult wird.


Noch trauriger sieht es bei den Quellen der Primärnachrichten aus. Hier verlassen sich die Medien auf 2-3 große Nachrichtenagenturen, weil sie selbst inzwischen kaum noch Büros in den verschiedenen Teilen der Welt haben. Alles was diese Agenturen berichten, muss also nahezu ungeprüft übernommen werden. Wird ein Ereignis oder Zusammenhang von diesen Nachrichtenmonopolisten ignoriert, dann existieren diese in der abgebildeten Realität nicht. Der alte Satz "Things only happen, if they happen on TV!" gilt inzwischen für alle Medien, besonders aber für Nachrichtenagenturen. Leider sind auch für fast alle unabhängigen Internetplattformen von diesen Primärinformationen abhängig, weil deren Autoren nur selten eigenständig recherchieren können und deshalb lediglich eine andere Sicht auf die "Fakten" vermitteln können, die von den Oligopolmedien verbreitet werden.


Schließlich soll noch erwähnt werden, dass die Nachrichtenagenturen und Medien nicht nur von kommerziellen und politischen Interessengruppen mit "Hintergrundinformationen" versorgt werden. Auch zahlreiche Geheimdienste steuern ihre Geschichten bei und sorgen subtil dafür, dass sie auch beachtet und richtig interpretiert werden."


Zitat aus: Die Religion der Überkompensationen, Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2021