• Tom Holland und FAGULON

Die ersten Machthaber ignorierten Mohammed



Die Tatsache, dass die frühen arabischen Herrscher Mohammed nirgends erwähnten, ist zunächst erstaunlich. Erklärbar ist es jedoch durch die typische Methode, mit welcher Monarchen in allen Zeiten ihre Herrschaft rechtfertigten: Sie übten ihre Macht in göttlichem Auftrag aus und waren - soweit sie sich nicht selbst als Halbgötter verehren ließen - das Bindeglied zwischen den Menschen und Gott bzw. den Göttern. Das war bei den ägyptischen Pharaonen nicht anders als bei den römischen Kaisern und nahezu allen Herrschern in der menschlichen Geschichte. Sogar die europäischen Monarchen verstanden sich bis in die Neuzeit als "Könige von Gottes Gnaden". Insofern ist es verständlich, dass auch die arabischen Herrscher ihre Macht dadurch begründeten und konsolidierten, dass sie für sich in Anspruch nahmen, im direkten Auftrag Gottes zu handeln. Da brauchte es keinen Bezug mehr auf den ersten Propheten. Man hatte ja selbst einen direkten Draht zu Gott. Das änderte sich erst durch die geschickten Aktionen von Gelehrten, die ein dichtes Regelwerk um den Koran herum errichteten. So konnte Mohammed wieder zur alleinigen Autorität erhoben werden. Das dauerte aber fast 200 Jahre.


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Tatsächlich gibt es kaum Hinweise darauf, dass der Prophet für Muawiya überhaupt eine Rolle spielte. In keiner seiner Inschriften, nicht auf seinen Münzen und in keinem aus seiner Regierungszeit erhaltenen Dokument kommt der Name Mohammed auch nur ein einziges Mal vor. Und obwohl später die Zusammenstellung der Offenbarungen des Propheten Uthman zugeschrieben wurde, gibt es keine Koranhandschrift, nicht einmal Fragmente davon, die auf die Zeit Muawiyas datierbar wären. Mit Sicherheit müssen Erinnerungen an die von Mohammed gesprochenen Worte - »von göttlichem Feuer durchglühte Zweige des brennenden Buschs«- von denen bewahrt worden sein, denen es darauf ankam, das Licht der Erinnerung an den Propheten nicht erlöschen zu lassen: von den Muhajirun von Kufa, der Shi'a Alis, den Kharijiten.


Doch die Strahlkraft der Flamme ließ deutlich nach. Wie Mani und Mazdak vor ihm war Mohammed ein Prophet, der in der Erinnerung, im länger werdenden Schatten der verstreichenden Jahre, zu verblassen begann. Welchen Wert konnte schließlich das Beispiel von Mohammeds provisorischem Wüstenstaat für den Herrscher über ein Reich haben, das die ganze Welt verschluckt hatte? Nicht der Prophet war für Muawiya der Vermittler zwischen Gott und Mensch, sondern er selbst. »Mögen die Gläubigen von ihm profitieren« – so lautete das Gebet seiner Untergebenen. Auch Christen sowie Juden und Samaritaner und Manichäer: Alle sollten nach Meinung Muawiyas als Gläubige angesehen werden, und alle schlossen sich demzufolge diesem Lobpreis an.


Muawiy führte zwar nach wie vor Krieg gegen die Römer, doch seine Untertanen, die nicht mehr von rivalisierenden Truppen in den Staub getreten, nicht mehr durch feindliche Wachttürme voneinander getrennt wurden, kannten letztlich nichts anderes als Frieden. Daher überrascht es wohl auch nicht, dass sie dem Amir seine unbescheidene Behauptung nicht übelnahmen, er sei es, der zwischen der Menschheit und Gott stehe. »In den Jahren seiner Regierung blühte die Gerechtigkeit, und es herrschte Friede in den von ihm beherrschten Gebieten. Allen erlaubte er, so zu leben, wie sie es wollten«. Es hatte ganz den Anschein, als solle so die Zukunft aussehen: ein Weltreich mit vielen Religionen, in denen keine Religion mehr eine Vorrangstellung vor den anderen hatte.


Zitat aus: Im Schatten des Schwertes. Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreiches. Tom Holland, übersetzt aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta 2012, Seite 369