• Hamed Abdel-Samad und FAGULON

Die Suren aus Mekka und Medina sind gegensätzlich



Wie in dieser Wand eines Blockhauses sind die Suren des Korans scheinbar fest zu einer göttlichen Botschaft zusammengefügt. Wenn man sie jedoch nicht in der Anordnung im gegenwärtigen Text liest, sondern die Offenbarungen aus Mekka von denen in Medina trennt, ergibt sich ein überraschend anderes Bild. Wie auf dem Bild entstehen so zwei unterschiedliche Typen von Balken im Gebäude des Koran, die mit gesamten Text später eng verbunden wurden, indem man die Suren der Länge nach sortierte. Diese zwei Typen von Suren ermöglichen es bis heute, nahezu jede beliebige Botschaft aus dem Koran herauszulesen. So können diejenigen, welche göttliche Botschaften des Friedens und der Vergebung durch Suren des Korans beweisen wollen genauso viele Argumente sammeln wie die Verfechter einer gewalttätigen muslimischen Weltrevolution, welche einen ständigen Dschihad erfordert.


Zitat

Im Folgenden fasse ich einige Aspekte zusammen, die belegen, inwieweit sich die Koransuren von Medina von jenen der mekkanischen Phase unterscheiden:


• Es beginnt mit dem Stil, der Sprache: Die eher friedlichen und versöhnlichen Suren von Mekka sind poetisch, meditativ und apokalyptisch. Die Suren von Medina sind in Prosa gehalten, deskriptiv und belehrend.


• In die Suren beider Phasen fließen die jeweiligen Konflikte ihrer Zeit ein. Die mekkanischen widmen sich dem Disput mit den heidnischen Arabern. In Medina sind es der Disput mit Juden und Christen und die jeweilige Deutungshoheit

der monotheistischen Religionen.


• Alle Suren über Rituale, die Vorschriften für das Leben von Frauen, Gesetze und Körperstrafen stammen aus medinischer Zeit.


• Alle Suren, die Toleranz und ein friedvolles Zusammenleben predigen, sind dagegen in Mekka oder während der Frühphase von Medina entstanden (wie z. B. Sure 2:256, „Es gibt keinen Zwang im Glauben“).


• Alle Suren, die Gewalt und Krieg rechtfertigen, stammen aus Medina. Auch hier ist eine Radikalisierung festzustellen. Die Passagen, die den Krieg lediglich als defensive Verteidigungsmaßnahme sehen, stammen aus der ersten Phase. Jene Suren, die die Gläubigen auffordern, sich aktiv gegen alle Ungläubigen zu erheben, stammen aus der zweiten medinischen Phase.


• Die Suren, die Juden und Christen loben und ihre heiligen Schriften als Beweise der Göttlichkeit des Koran hervorheben, entstanden in Mekka oder während der Frühphase von Medina. Diejenigen, die Juden und Christen beschimpfen und ihnen vorwerfen, ihre heiligen Bücher korrumpiert zu haben, stammen aus der zweiten Phase von Medina.


• In den mekkanischen Suren wird der Engel, der Mohamed den Koran übermittelte, nicht namentlich erwähnt. Er wird ruh amin (der vertrauenswürdige Geist) oder ruh al-qudus genannt, also Heiliger Geist. Erst in den Suren von Medina wird er Dschibril - Gabriel - genannt.


• Gleiches gilt auch für Mohamed selbst, der überhaupt nur viermal im Koran namentlich genannt wird. Viel zu wenig verglichen mit Moses, der 136-mal Erwähnung findet, oder Jesus, der auf 25 Nennungen kommt. In den mekkanischen Suren wird Mohamed nur bashir (Bringer der Frohen Botschaft) oder nadhir (Warner, Ermahner) genannt. Die Bezeichnung nabi (Prophet) kommt erst in Medina hinzu.


Zitat aus:

Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 179-180