• Thilo Sarrazin und FAGULON

Die Symbiose von Politik und Medien


Diese Quallen symbolisieren recht gut die Eigenschaften von Politikern und Journalisten in Deutschland sowie ihr Verhältnis untereinander. Für den Kenntnisreichen sind beide durchsichtig. Viele sind weich und dann besonders hilflos, wenn sie nicht in ihrem natürlichen Habitat, der Öffentlichkeit, schwimmen können. Viele von ihnen berühren sich ständig mit den langen Tentakeln ihrer offiziellen oder inoffiziellen Kontakte und kooperieren auf diese Weise lautlos. Aufgrund der Ähnlichkeiten ihrer Eigenschaften und Interessen verstehen sie sich meist sehr gut, auch wenn es gelegentlich (inszenierte) Konflikte gibt. So sind die Konzern- und Staatsmedien nicht der Kontrolleur, sondern in der Regel auch der Freund und Helfer der Politiker, die sich an der Macht befinden. In beiden Lagern sind Konformismus und Opportunismus die hervorstechenden Eigenschaften. Wer sich außerhalb des engen Pfades der Regeln und Meinungen bewegt, wird schnell ausgestoßen und muss sich ein anderes Habitat suchen.


Zitat: "Politiker tun alles in ihrer Macht Stehende, um Einfluss auf die Medien zu nehmen - unabhängig davon, ob es eine staatliche Zensur gibt oder nicht, ob man in einer Demokratie lebt oder nicht. Durch die Medien sprechen sie nicht nur die Bevölkerung als Ganzes, sondern gezielt ihre Wähler an. Die Darstellung von politischen Streitigkeiten, von Erfolgen und Misserfolgen und von Debattenverläufen in den Medien ist für den Erfolg von Politik und die handelnden Politiker oft viel wichtiger als die tatsächlichen Verläufe. Nicht Wahrheit, sondern Geltung ist gefragt.


Darum ist für Max Weber der „Demagoge... seit dem Verfassungsstaat und vollends seit der Demokratie der Typus des führenden Politikers im Okzident... und der politische Publizist und vor allem der Journalist der wichtigste heutige Repräsentant der Gattung.“ Die „journalistische Laufbahn“, so stellte er 1919 fest, bleibe „einer der wichtigsten Wege der berufsmäßigen politischen Tätigkeit“. Politische Journalisten sind schreibende Politiker.


„Die Medien“ gibt es genauso wenig wie „die Politik“. Auf beiden Seiten gibt es Personen und Institutionen, Gewinner und Verlierer, Machtballung und erlebte Machtlosigkeit, Interessen, Lügen, Idealismus, Dummheit, Klugheit und jede Menge Chaos. Medien wachen nicht über irgendwelche Ideale, sondern sind die Wächter ihrer eigenen Ideen. Wie Werner Patzelt schreibt, entstand so in den Medien „ein gefühlt klarer Kanon dessen, was an Betrachtungsweisen, Begriffen, Sprachformeln und Argumenten in Deutschland geht oder eben nicht geht. Wer sich daran hält, darf am öffentlichen Diskurs teilnehmen. Wer sich gegen diesen Kanon vergeht, ist auszugrenzen.“...


Es mag so sein, dass im Medienkampf manchmal das bessere Argument siegt. Dies ist aber nicht zwingend so, noch ist es unbedingt wahrscheinlich. Es ist sogar durchaus möglich, dass eine verzerrte Medienberichterstattung die Politiker wie die Mehrheit der Bürger in die Irre führt. So können durch mediale Wirkung Entscheidungen zustande kommen, die die meisten gar nicht wollten. Dieser Fall kann eintreten, wenn die Mehrheit eine Norm oder eine Maßnahme insgeheim ablehnt, unter dem Einfluss der Medien aber annimmt, die Mehrheit sei dafür, und sich aufgrund dieser falschen Annahme zu dieser Ablehnung nicht bekennt. In der Sozialpsychologie ist dieses Phänomen als pluralistische Ignoranz bekannt. Es ähnelt der von Elisabeth Noelle-Neumann entdeckten und beschriebenen Schweigespirale.


Während in den letzten Jahren die politischen Unterschiede zwischen Union, SPD und Grünen immer geringer wurden, nahm in den Medien die Neigung zu, jene moralisch auszugrenzen oder zumindest in der Sache nicht ernst zu nehmen, die sich außerhalb dieses Spektrums bewegen. Erst allmählich setzt infolge der generell sinkenden Reichweite der Medien (die wohl nicht nur auf das Internet, Facebook, und Twitter zurückzuführen ist) eine Entwicklung ein, die bei den Medien eine gewisse Verunsicherung auslöst."


Zitat aus: Thilo Sarrazin, Wunschdenken, Deutsche Verlagsanstalt 2016, Seite 496 und 498