• Tom Holland und FAGULON

Die Urfassung des Koran


Viele Menschen glauben, dass alle heiligen Schriften - egal ob es sich um die Thora, die Bibel oder den Koran handelt - im Ergebnis einer langen Evolution entstanden sind. Dieser Prozess ist auch logisch, wenn man sich die historischen Prozesse vor Augen führt, durch welche diese und andere Religionen zur staatstragenden Kraft und Begründung der Herrschaftsverhältnisse wurden. Natürlich musste man sie maßgeschneidert auf die politischen und sozialen Verhältnisse anpassen. Das geschah in der Regel durch die Vielzahl der Kommentare und Interpretationen durch gelehrte Autoritäten. So hat der Talmud im Laufe der Jahrhunderte einen engen Interpretationsrahmen um die Thora gelegt. Bei der Bibel waren es zunächst die Paulus-Briefe und später dann die Schriften der Kirchenväter und schließlich die päpstlichen Bullen. Im Falle des Koran sind es besonders die Hadithe, also die Überlieferungen von Mohammeds mustergültigen Handlungen und Anweisungen. Inwieweit ist aber der Text des Koran selbst auch ein Produkt einer solchen Evolution? Wäre dies der Fall, dann könnte der Grundpfeiler muslimischen Glaubens zusammenbrechen. Er besteht darin, dass jedes Wort des Koran eine direkte und unverfälschte göttliche Offenbarung ist.


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Wie kommt es dann aber, dass in einem Buch, das angeblich zu Lebzeiten Mohammeds an diesem Ort entstand, die Monotheismen des fernen Fruchtbaren Halbmonds eine so prominente Rolle spielen? All das ist sehr geheimnisvoll; und das Geheimnis wird noch unergründlicher angesichts des Umstands, dass nicht nur Mekka in den frühen Jahrzehnten des arabischen Reichs geradezu gespenstisch im Hintergrund blieb. Was für den angeblichen Geburtsort des Propheten gilt, gilt auch für den Koran, die Zusammenstellung seiner Offenbarungen: Er wird in den Texten jener Zeit kein einziges Mal erwähnt. …


Noch geheimnisvoller wird die Angelegenheit dadurch, dass es vor dem 9. Jahrhundert keinerlei Kommentare zum Koran gibt und dass auch dann noch unterschiedliche Gemeinschaften von Gläubigen unterschiedliche Versionen des heiligen Texts zugrunde legten. Es kann wohl kaum überraschen, dass so mancher Gelehrte unserer Tage, wenn er mit dem Grundsatz konfrontiert wird, der Koran sei unverändert und makellos aus Mohammeds Zeit auf uns gekommen, nachdenklich zumindest eine Augenbraue hebt.


Inwieweit ist eine derartige Skepsis angebracht? Von der Antwort hängt vieles ab. Nichts vermag besser zu illustrieren, wie heikel diese Themen sind, als das Schicksal eines Bestands von Koranhandschriften, die vor rund 40 Jahren in Sana'a gefunden wurden, in der Hauptstadt des ehemaligen jüdischen Königreichs Himyar, heute die Muslimische Republik Jemen. In der Decke der ältesten Moschee der Stadt fanden Handwerker 17 grobe Leinensäcke, in denen sich Handschriften befanden, die nur aufgrund des scharfen Blicks des Chefs der jemenitischen Altertümerverwaltung dem Vergessen entrissen und als Fragmente von sehr wahrscheinlich den ältesten Fassungen des Koran identifiziert wurden.


Vier Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung umgibt diese kostbaren Handschriften allerdings noch immer ein undurchdringlicher Schleier des Geheimnisses. Lediglich zwei Forscher, beides Deutsche, erhielten die Erlaubnis, sie zu untersuchen. Als einer von ihnen, Gerd-Rüdiger Puin, ein Experte in arabischer Paläographie, öffentlich feststellte, die Fragmente seien ein Beleg dafür, dass auch der Koran ebenso wie die Bibel sich im Lauf der Zeit entwickelt habe und einen regelrechten Text-Cocktail darstelle, schäumten die jemenitischen Machthaber vor Wut. Bis heute sind die Koranfragmente von Sana'a nicht veröffentlicht- und es erhielt auch kein weiterer westlicher Gelehrter die Erlaubnis, sie zu untersuchen. Ihre wahre Bedeutung bleibt also weiterhin im Dunkeln.


Aber gewisse Aspekte sind doch klar erkennbar. Puins Forschungen zeigen zwar, dass Wörter, Schreibweisen, ja sogar die Anordnung der Verse im Koran durchaus falsch gelesen oder falsch kopiert werden konnten, dass es sich bei diesen Veränderungen aber immer um unwillkürliche Irrtümer handelte. In keinem der Sana'a-Fragmente gibt es Hinweise auf bewusste Fälschung. Variationen zwischen den Handschriften treten bei einzelnen Wendungen auf, nie jedoch bei ganzen Passagen. Offenbar war der Koran zu keinem Zeitpunkt ein Konglomerat, das sich mit einer Sammlung von Hadithen vergleichen ließe - einem Corpus, das ein Kalif oder Gelehrter ganz nach Lust und Laune erweitern konnte.


Zitat aus: Im Schatten des Schwertes. Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreiches. Tom Holland, übersetzt aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta 2012, Seite 310-311