• Norbert Bolz und FAGULON

Natur und Kultur schaffen gute Ungleichheiten


Wir sind alle Pflanzen und Blüten, die auf dem Boden der Gesellschaft verwurzelt sind. Dass wir uns diese gemeinsame Grundlage unsere Lebens teilen und auf ihr wachsen, macht uns aber nicht gleich. Wie auf diesem Bild ist gerade die Vielfalt der Blüten und Blätter der wichtigste Aspekt von Schönheit, aber auch der Funktionalität einer Gemeinschaft. Eine Wiese mit ganz unterschiedlichen Arten ist die wertvollste. Die Pflanzen konkurrieren weniger und sie bieten ganz unterschiedlichen Tieren Nahrung.


Genauso ist es in der Gesellschaft und so sollte es auch sein. Die gewaltsamen Versuche, Menschen im Denken, Handeln (und zuweilen sogar in der Kleidung) gleich zu machen, sind immer nur mit enormen Zwang, oft sogar mit Massenmord, zu erreichen gewesen. Ungleichheit und Verschiedenheit sind essentiell für das "ökologische Gleichgewicht" einer menschlichen Gesellschaft, genauso, wie dies in der Natur der Fall ist. Braucht man aber auch eine Rangordnung? Einiges spricht dafür.


Allerdings müssen alle Arten, die sich ein Biotop teilen, zusammen passen. Sie müssen sich ergänzen, ein Gleichgewicht bilden sowie auf dem gleichen Boden wachsen und gedeihen können. Fremde Arten können in der Natur schnell zu zerstörerischen Invasoren werden, obwohl man sie zuweilen bewusst ansiedelte. Schnell wachsende Bäume in Südafrika oder die großen Barsche im Victoria-See sind nur einige Beispiele. Sie dominierten in kurzer Zeit das Ökosystem und vernichteten es schließlich. Diese Beispiele sind bei nicht integrierbaren Einwanderern aus fremden Kulturen zu berücksichtigen.


Zitat:

"Weder Natur noch Kultur sprechen für Gerechtigkeit. Die Natur nicht, denn nicht alle Frauen sind gleich schön; nicht alle Männer sind gleich kompetent. Aber auch die Kultur nicht, denn sie hat sich immer nur unter Bedingungen ungerechter Besitzverteilung entfaltet. All das klingt deprimierend, und die moderne Gesellschaft neigt dazu, weiteres Nachfragen zu verbieten. Gene, Intelligenz und Rasse sind die Tabus unserer Zeit wie Sex im Viktorianischen England. Mit anderen Worten, archaisches Erbe, genetische Determination, angeborenes Verhalten und Geschlechtsrolle sind die Skandale der egalitären Gesellschaft. Geist, Schönheit, Stärke, Geschicklichkeit, Talent, Fleiß - all das ist ungleich verteilt und lässt sich nicht umverteilen.


Menschen sind unterschiedlich. Und wenn man sie zwingt, gleich zu sein, bleibt ihnen nur noch eine Möglichkeit, anders zu sein als die anderen – nämlich die anderen zu überwältigen. Ohne Rangordnung kann man diese Aggressivität nicht neutralisieren. Sie ist heute zur sozialen Gereiztheit atomisiert und auf Dauer gestellt. Hinzu kommt, dass die Abfuhr von Aggressivität immer schwieriger wird, je moderner, d.h. bequemer und von körperlicher Arbeit entlasteter das Leben ist. Unter massendemokratischen Bedingungen richtet sich dann die angestaute Aggressivität gegen alle Formen von Rangordnung."

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, Wilhelm Fink Verlag, München, 2009, Seite 12