• Thilo Sarrazin und FAGULON

Wieso verbreitet sich der konservative Islam?


Auf der ganzen Welt verbreitet sich der konservative Islam. Viele Länder, in denen nach der Unabhängigkeit säkulare - z.T. sogar sozialistisch orientierte - Diktaturen herrschten, schienen auf dem Weg in die westliche Kultur zu sein. Kaum eine Frau trug ein Kopftuch, z.T. war dies sogar verboten. Ein weitgehender Austausch mit dem Westen, ein Zuwachs höherer Bildung und die Industrialisierung dieser Länder schienen auf einem guten Weg. Dann jedoch drehte sich die Entwicklung in vielen Ländern, der konservative Islam wurde immer bedeutsamer und mächtiger.


Warum ist dies geschehen? Sarrazin sieht hier primär einen demografischen Grund. Vermutlich ist das aber nur ein Teil einer möglichen Begründung, die sich aus verschiedenen Elementen zusammensetzen dürfte. Ein weiteres Element ist wohl auch die urmenschliche Sehnsucht nach Glaube, Orientierung im Leben, festen Regeln und Werten. Nachdem die sozialistisch-kommunistische Ideologie als Religionsersatz in fast allen Ländern der Welt kollabiert und als Hoffnungsträger ausgefallen ist, suchen Menschen wieder im Islam Halt und Orientierung. Dazu kommt die Desillusionierung mit den korrupten, unfähigen und z.T. sehr brutalen Diktaturen in vielen islamischen Staaten. Was ist also naheliegender, als sich auf die alten Werte des ursprünglichen und "wahren" Islam zu besinnen?


Hinzu kommt sicherlich auch die Bequemlichkeit der Männer, die auf diese Weise ihre Dominanz gegenüber den "dienenden" Frauen religiös rechtfertigen und sich möglicher Konkurrenz und Kritik entledigen können. Besonders erschreckend ist in diesem Zusammenhang, in welchem Ausmaß die Rückkehr zum konservativen Islam auch zur Akzeptanz der brutalen Strafen der Scharia in breiten Kreisen der Bevölkerung muslimischer Länder und auch bei Migranten beigetragen hat.


Zitat 1: "Ich habe die Vermutung, dass auch die seit Anfang der Siebzigerjahre in den meisten Ländern der islamischen Welt beobachtete Reislamisierung zu einem erheblichen Teil demografische Ursachen hat. 1970 sah man in den Stadtzentren von Kairo, Damaskus oder Istanbul nur wenige Kopftücher. Heute dagegen tragen dort nur wenige Frauen kein Kopftuch. Aus meiner Sicht kann dies so erklärt werden, dass die von der Modernisierung bereits erfassten Teile der Gesellschaft damals bereits die einem hohen Entwicklungsniveau entsprechende niedrige Geburtenrate hatten und deshalb zahlenmäßig stagnierten.


Dagegen behielten die von der Modernisierung nicht erfassten Teile der Gesellschaft ihre hohen Geburtenraten bei. So wurden die Träger der Moderne in der islamischen Welt in wenigen Jahrzehnten aus rein demografischen Gründen von einer Minderheit zu einer kleinen Minderheit. So hat sich die Bevölkerung der Türkei von 1970 bis heute mehr als verdoppelt. Die Träger des Kinderreichtums waren aber nicht die säkularen Türken in den westtürkischen Küstenstädten, sondern die konservativen Landbewohner in Anatolien, die in großen Massen in die Städte der Westtürkei zogen und diese in wenigen Jahrzehnten demografisch und religiös quasi »umdrehten«.

Thilo Sarrazin, Feindliche Übernahme, Finanzbuch Verlag 2018, Seite 93



Zitat 2: "Das gilt auch bei der Todesstrafe für Muslime, die vom Glauben abfallen. Diese wünschen 8 Prozent in der Türkei, 41 Prozent im Irak, 88 Prozent in Ägypten, 75 Prozent in Pakistan und 58 Prozent in Malaysia. Ein ähnlicher Prozentsatz fordert die Steinigung von Menschen die Ehebruch begehen. Das meinen 9 Prozent der befragten Türken 80 Prozent der Ägypter, 86 Prozent der Pakistani und 42 Prozent der Indonesier. Dass Verbrechen wie Diebstahl und Raub durch Auspeitschung und Handabschneiden bestraft werden, befürworten 12 Prozent der Türken, 70 Prozent der Ägypter, 85 Prozent der Pakistani und 37 Prozent der Indonesier.


In der Summe wird deutlich, dass in praktisch allen islamischen Ländern die weitaus meisten Muslime eine sehr enge und rigide Auslegung der islamischen Religion befürworten. Dabei scheint es sich um eine Massenbewegung von unten zu handeln. Viele Regierende in der islamischen Welt mögen zögern. Es sind offenbar ihre Völker, die einen engen, konservativen, ja über weite Strecken fundamentalistischen Islam wollen.


Am stärksten gefeit erscheint dagegen noch die Türkei, 80 Jahre unter der säkularen Gesetzgebung des Kemal Atatürk blieben nicht ohne Folgen. Allerdings ist in der Türkei der Druck von oben durch die Regierung auf eine islamistische Umgestaltung des Landes besonders groß. Vor diesem Hintergrund bleibt der Traum des Mouhanad Khorchide und gleichgesinnter Theologen von einem liberalen, mit der Moderne kompatiblen Islam eine Utopie – weltweit handelt es sich nicht einmal um eine Splitterbewegung.


Auch bei den nach Europa eingewanderten Muslimen bleibt der religiöse Fundamentalismus stark und nimmt auch in der zweiten Generation kaum ab: 50 Prozent glauben, dass der Islam zu den Wurzeln zurückkehren muss, 70 Prozent meinen, es gebe nur eine wahre und bindende Interpretation der Religion, 65 Prozent halten religiöse Regeln für wichtiger als weltliche Gesetze und knapp 40 Prozent halten alle drei Meinungen für richtig."

Thilo Sarrazin, Feindliche Übernahme, Finanzbuch Verlag 2018, Seite 212