• Marc DeSargeau und FAGULON

Die neue Überwachungs- und Kasten-Gesellschaft



Die totale Überwachung und Einordnung der Menschen in Kasten ist bereits Realität

Die weltweit erste Hybridgesellschaft hat eine erstaunlich effiziente Symbiose von stalinistischem Sozialismus und Monopolkapitalismus erschaffen. So ist ein schneller Sprung an die Spitze von Wissenschaft, Technologie und Produktion entstanden, der es ermöglichst, gut funktionierende Großprojekte in wenigen Monaten oder Jahren zu vollenden, für welche die westlichen Länder in der Regel 3-5 mal mehr Zeit brauchen. Dazu gehört auch die Technologie der Gesichtserkennung zur Überwachung aller Menschen des Riesenreiches. Obwohl dies bei Menschen in Bewegung und wechselnden Lichtverhältnissen besonders schwierig ist, scheint es recht gut zu funktionieren. Durch den zentralistischen Befehlsapparat der stalinistischen Partei konnte den Neo-Stalis der Industrie befohlen werden, viele Millionen Kameras überall im Lande zu installieren und sogar Polizisten mit Brillen auszustatten, in denen solche Kameras installiert sind. Auf diese Weise ist es gelungen, jeden Menschen in diesem Riesenreich auf Schritt und Tritt zu überwachen.


Daraus folgt eine Möglichkeit, die in China bereits Wirklichkeit geworden ist: Die Wiedererweckung des alten indischen Kastensystems und seine Übertragung auf eine moderne Gesellschaft. Die vielen indischen Kasten entstehen nicht wirklich dadurch, dass man in eine von ihnen hinein geboren wird. Das scheint nur auf den ersten Blick so zu sein. Vielmehr ist die Wiedergeburt einer menschlichen Seele (wie man es im Westen nennen würde) in einem neuen Körper das Resultat der Verdienste oder Versäumnisse bzw. Missetaten in dem früheren Leben. Man kann also mit Recht stolz auf seine Geburt in eine der Brahmanen-Kasten sein, denn man hat sich diesen höchsten Rang offenbar durch viele gute Taten in seinem früheren Leben erworben. Dementsprechend darf sich auch niemand beklagen, zu den niedrigsten Kasten der Unberührbaren zu gehören, denn dies ist offenbar die verdiente Strafe für sein Verhalten im früheren Leben.


Genau diese moralische Rechtfertigung ist die Basis der Einteilung von Menschen in Kasten, wie sie gegenwärtig in China vorgenommen wird. Durch die lückenlose Überwachung mit Hilfe von Kameras - aber auch der anderen Aktivitäten bei Bankgeschäften, in sozialen Medien, in der Ausbildung etc. - kann ein genaues Profil jedes Menschen hinsichtlich seiner Taten und Fähigkeiten erstellt werden. Dieses Verfahren ähnelt den himmlischen "Zählmaschinen" für verdienstvolle und verwerfliche Taten, an welche sowohl Hindus als auch Buddhisten glauben und die mit der Genauigkeit eines Supercomputers für jeden Menschen ermitteln, in welcher Position er sich nach seiner Wiedergeburt wiederfinden darf. In Analogie hierzu unterscheiden sich die verschiedenen Kasten in China in ihren Möglichkeiten Posten, Kredite, Auslandsreisen, Wohnungen und anderes zu erhalten. Sie haben sich also - genau wie es die Hindus glauben - ihren Kasten-Status durch eigenes Verdienst oder Versagen erworben.


Kastenbildung ist durch die Neo-Stalis auch in westlichen Gesellschaften mit wenigen Mausklicks möglich

Die Einteilung von chinesischen Bürgern in Kasten mit unterschiedlichen Rechten und Möglichkeiten beweist ohne Zweifel, dass dies mit den gegenwärtigen Technologien leicht möglich ist. Fast könnte man die diesbezügliche Sorglosigkeit der meisten Menschen im Westen mit der anfänglichen Reaktion auf die Corona-Pandemie vergleichen: China ist weit weg und so etwas wird bei uns nie passieren! Allerdings braucht es dafür nicht Millionen von Kameras auf den Straßen und sogar auf den Brillen von Polizisten. Die bereits existierenden Überwachungsmöglichkeiten durch die Neo-Stalis der großen Konzerne reichen bereits aus. Sie müssen nur durch ein paar Mausklicks zusammengefügt werden und schon entsteht ein umfassendes Profil von jedem einzelnen Menschen. Um diese Mausklicks zu ermöglichen, reichen ein paar Gesetzesänderungen. Dann steht auch im Westen der Einteilung von Menschen in verschiedene Kasten nichts mehr im Wege.


Die Daten, die hierfür gebraucht werden, finden sich in der Geschichte der Aktivitäten eines Individuums, der Historie seiner Aufrufe von Webseiten, in seinen E-Mails der letzten Monate (siehe Datenvorratsspeicherung), in den Anrufen, die er getätigt hat, in seinen Kontobewegungen, seinem Kreditrating, seinen Einkäufen (Daten von Kundenkarten, Kreditkarten, Bankkarten) und schließlich in seinen Interaktionen mit diversen virtuellen Assistenten wie Alexa u.a. Gegenwärtig werden bereits bestimmte Profile in den sozialen Medien aufgrund der angeklickten Seiten und anderer Parameter erstellt. Sie werden jedoch nur dazu verwendet, der entsprechenden Person Werbung vorzusetzen, die vermutlich seinen Interessen entspricht. Anders sieht es jedoch aus, wenn all diese Daten zusammengeführt werden. Da nur relativ wenige Konzerne über diesen Datenschatz verfügen, reicht es, sie dazu zu verführen oder zu zwingen, diese Datensätze zusammenzuführen. Ginge es nur um einzelne Personen - z.B. im Rahmen einer Fahndung nach Kriminellen - wäre das vielleicht noch zu akzeptieren. Das chinesische Beispiel hat jedoch gezeigt, dass man Profile von "verdienstvollen und verwerflichen Taten" für jeden einzelnen Bürger zusammenstellen kann.


Eine besondere (scheinbar unbeabsichtigte) Hilfestellung leisten die neuen Datenschutzgesetze zu dieser Durchleuchtung aller Menschen. Fast alle Firmen haben sich entschlossen, diese Regularien nicht nur zu unterlaufen, sondern in ihr Gegenteil zu verkehren. Das ist sehr einfach: Man bittet den Nutzer per Mausklick allen vorstellbaren Möglichkeiten der Nutzung seiner Daten und seines Verhaltens zuzustimmen. Möchte er das nicht, dann muss er sich durch ein zuweilen riesiges Tableau von Abwahlmöglichkeiten hindurchhangeln. Wenn man schnell von einer Webseite zu nächsten klickt, ist das fast immer zu mühselig. Also klickt man auf „alle akzeptieren“ und ist sofort drin, hat aber gleichzeitig alle Rechte aufgegeben, die einem die Datenschutzverordnung eigentlich gewähren sollte."


Zitat aus: Marionetten, Neo-Stalis und Monsterwellen, Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2021