• Norbert Bolz und FAGULON

Erlernte Antriebslosigkeit


Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut. Man kann durch unbegrenzte soziale Absicherung die Fähigkeiten verlernen, die für den Wiedereintritt ins Arbeitsleben nötig sind. Damit ist nicht der Verlust von Wissen oder Fähigkeiten gemeint, die man vielleicht einmal hatte. Dies lässt sich durch Qualifizierungsmaßnahmen, aber auch durch "learning by doing" in den meisten Fällen sehr schnell wieder aufholen. Wichtigere Verluste sind die Disziplin und Ausdauer, die für einen Arbeitsalltag - egal in welchem Job - erforderlich sind. Dazu kommt auch das Verlernen an der Freude an kleinen Erfolgen. Mit zunehmender Dauer der Abhängigkeit von Sozialleistungen wird die Hemmschwelle immer größer. Selbstmitleid und Versagensangst werden zuweilen unüberwindlich.


Eine andere Form erlernter Antriebslosigkeit hat u.a. der ehemalige Bürgermeister von Neukölln Buschkowsky beobachtet. Ihm ist es nach eigenen Aussagen in einem seiner Bücher nicht gelungen, auch nur einen der arbeitsfähigen, aber wenig arbeitswilligen jungen Männer mit Migrationshintergrund an eine Lehrstelle zu binden. Immer wieder sprangen sie nach kurzer Zeit ab: zu anstrengend, schlechte Kollegen, keine Lust usw. Das war ja auch kein Problem, denn der Staat zahlte weiter für ihren Lebensunterhalt. Hinzu kommen schlechte schulische Leistungen, ein übertriebener Stolz, der mit Versagensangst einhergeht. Durch die staatliche Alimentierung werden also Massen von Menschen in die erlernte Antriebs- und Hilflosigkeit geleitet.


Zitat: "Der vorsorgende Sozialstaat operiert mit drei Kurzfehlschlüssen: er schließt von Ungleichheit auf Benachteiligung, von Benachteiligung auf soziale Ursachen und von sozialen Ursachen auf paternalistische Maßnahmen. Damit übernimmt er die Gesamtverantwortung für die moderne Gesellschaft. Auch als er noch nicht so hieß, hat der vorsorgende Sozialstaat die neuen Untertanen gezüchtet - die betreuten Menschen. Sicherheit verdanken die meisten heute nicht mehr dem Gesetz, sondern der staatlichen Fürsorge. Im vorsorgenden Sozialstaat wird diese Daseinsfürsorge präventiv: Es wird geholfen, obwohl es gar keinen Bedarf gibt. Konkret funktioniert das so, dass die Betreuer den Fürsorgebedarf durch die Erfindung von Defiziten erzeugen. Der Wohlfahrtsstaat fördert also nicht die Bedürftigen, sondern die Sozialarbeiter.


Soziale Gerechtigkeit als Umverteilung sorgt für die politische Stabilisierung der Unmündigkeit; sie bringt den Menschen bei, sich hilflos zu fühlen. Bei wohlfahrtsstaatlichen Leistungen muss man nämlich damit rechnen, dass der Versuch, den Opfern zu helfen, das Verhalten reproduziert, das solche Opfer produziert. Wer lange wohlfahrtsstaatliche Leistungen bezieht, läuft Gefahr, eine Wohlfahrtsstaatsmentalität zu entwickeln; von Kindesbeinen an gewöhnt man sich daran, von staatlicher Unterstützung abzuhängen. Und je länger man von wohlfahrtsstaatlichen Leistungen abhängig ist, desto unfähiger wird man, für sich selbst zu sorgen. Umverteilungspolitik reduziert also nicht die Armut, sondern die Kosten der Armut. Jede Transferleistung reduziert nämlich den Anreiz, die Armut durch eigene Produktivität zu überwinden. Mit anderen Worten: Die meisten politischen Hilfsprogramme ermutigen eine Lebensführung, die zur Armut führt.

Norbert Bolz, Diskurs über die Ungleichheit, Wilhelm Fink Verlag, München, 2009, Seite 17