• Marc DeSargeau und FAGULON

Formen des Zusammenbruchs von Staaten


„Ich unterscheide drei Grundformen des Zusammenbruchs von Staaten. Die erste ist der Kollaps eines Kartenhauses, welches durch den Eispanzer der Angst zusammengehalten wurde. Oft schmilzt das Eis langsam, sodass der Zusammenbruch überraschend kommt. Hat das Eis seine Stabilität verloren, fallen die ersten Karten. Diese Bewegung bringt dann schnell das ganze Gebäude zum Einsturz. Der Rest des Eises schmilzt und das entstehende Wasser verläuft im Sande: Niemand will mehr Teil des Systems gewesen sein, alle waren Opfer. Die institutionalisierte kollektive Verantwortungslosigkeit war bequem in die starre Herrschaftspyramide der Partei oder des Klerus eingebettet. Der Einzelne kann sich in seinem Handeln von jeder Schuld und Verantwortung befreien, weil er ja dem unerbittlichen Druck "von oben" und den Geboten der Ideologie oder Religion folgte. So ist es beim Zusammenbruch der sozialistischen Staaten, aber auch der faschistischen Systeme und anderer Diktaturen gewesen.


Die zweite Form des Suizids von Staaten ist der Bürgerkrieg. Dabei hat diese Selbstzerstörungskraft ihre Wurzeln meistens in ethnischen und/oder religiösen Konflikten. Bürgerkriege sind aber oft auch Stellvertreterkriege, in denen die Konfliktparteien von konkurrierenden Großmächten unterstützt werden, um den eigenen wirtschaftlichen und politischen Einfluss in einer Region zu wahren oder auszubauen. Die Milizen ähneln oft Heuschreckenschwärmen, die durch ehemals reiche Landschaften ziehen und eine Spur der Zerstörung hinterlassen. Die Soldaten der Bürgerkriegsmilizen kämpfen und sterben meist nicht für "eine gerechte Sache", sondern innerhalb des tödlichen Zwanges der Hierarchie ihrer Kampfeinheit. Sie kämpfen aber auch aufgrund des erhebenden Gefühls, endlich aus der demütigenden Überflüssigkeit ihrer Existenz befreit zu sein.


Die dritte Form des Suizids von Staaten lässt sich ebenfalls mit einem Bild beschreiben: Ein alter, großer und üppig begrünter Baum wird plötzlich von einem Sturm umgeweht. Nun stellen die Betrachter erstaunt fest, dass er in seinem Inneren hohl und morsch war. Nur die äußeren Schichten versorgten die Äste und Blätter noch mit Wasser. Sie konnten dem Baum jedoch nicht mehr die Stabilität verleihen, die sein Überleben in Stürmen gesichert hätte. Dieser Kollaps befällt scheinbar stabile und prosperierende Gesellschaften, insbesondere als Folge von Wirtschaftskrisen (wie der von 1929) oder von Kriegen (wie z. B. im und nach dem 1. Weltkrieg).


In der gegenwärtigen Situation ist der plötzliche Selbstmord vieler westlicher Industriegesellschaften nach dem dritten Mechanismus wahrscheinlich.Als Folge einer nicht mehr kontrollierbaren Schuldenspirale und einer ebenfalls jeder wirksamen Einflussnahme entzogenen und von der Realwirtschaft völlig abgekoppelten Finanzwirtschaft ist der scheinbar große und kraftstrotzende Baum innen hohl und morsch geworden. Es braucht nur einen moderaten Sturm - z. B. als Folge des Zusammenbruchs von Kredit- oder Spekulationsblasen - um ihn umzublasen“

Zitat aus: „Gesetze des Tanzes der Marionetten vor der Fassade der Demokratie“ (politische Belletristik in Form einer fiktiven Vortragsreihe mit eingeschobenen, politisch korrekten Vorschlägen zur Gegenpropaganda) von Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2020, Seite 91-93