• Marc DeSargeau und FAGULON

Neo-Stali Methode: Ein falsches Wort und du bist raus!



"Noch extremer als im Sozialismus: Bei den Neo-Stalis gilt die Maxime: "Ein falsches Wort, und du bist raus - für immer!"

In den sozialistischen Ländern hatte es sich eingebürgert, dass man in vielen Romanen oder Artikeln von Intellektuellen zwischen den Zeilen las. Hier versteckten sich die Botschaften, man nicht ohne eine gewisse Verschlüsselung aussprechen konnte. Das wurde meistens toleriert. Ging jemand nach Meinung der staatlichen Zensoren zu weit, dann wurden die Artikel oder Bücher einfach nicht gedruckt, die Filme zwar fertiggestellt, nicht aber in die Kinos oder ins Fernsehen gebracht. Nur diejenigen, die sich partout nicht diese Art der kryptischen Kommunikation halten wollten, verloren ihre Anstellungen oder wurden nie mehr gedruckt. Einigen gelang dann nach einem mühevollen Prozess die Ausreise in den Westen.


Die Neo-Stalis sind seit einiger Zeit wesentlich radikaler. Es reicht z.B. ein falsches Wort in einem schnell hingeworfenen Twitter-Beitrag, sogar ein versehentlich falsch ausgewähltes Emoji-Symbol nach einem Posting und schon ist der angebliche Gedankenverbrecher seinen Job als angestellter Journalist los. Manchmal reicht auch ein kritischer Artikel über einen Politiker, der dummerweise ein Freund des Besitzers der Zeitung ist. Sogar aus dem Zusammenhang gerissene Teile einer E-Mail haben schon einigen das Genick gebrochen, wenn sie von Denunzianten an die große Glocke gehängt wurden. Auf diese Weise wurden schon einige journalistische Schwergewichte schnell und ohne Gnade entsorgt. Allerdings machten sie oft etwas viel Besseres aus der Situation: Sie gründeten eigene Publikationskanäle mit Hilfe des Internets oder gingen in die Politik.


Ähnlich wird mit Buchautoren verfahren, ganz gleich wie bekannt sie sind. Die einfachste Form der Bestrafung von Gedankenverbrechen ist es noch, dass bestehende Verlagsverträge mit fadenscheinigen Argumenten gebrochen werden, das Buch also zunächst nicht erscheinen kann. Schnell findet sich dann aber in der Regel ein anderer Verlag. Obwohl solche Bücher zuweilen hunderttausendfach verkauft werden, wird in den von Neo-Stalis dominierten Medien kaum ein Wort darüber verloren. Es reicht, ein paar abwertende Zeilen zu schreiben und danach den Mantel des Schweigens über das ideologisch unkorrekte Produkt zu legen.


Noch absurder wird es, wenn einige Sätze aus der Rede eines Autors aus dem Zusammenhang gerissen und in ihr Gegenteil verkehrt werden, so dass ein wütendes Geheul der Neo-Stalis in den linientreuen Medien einsetzen kann. Selbst wenn später dutzende einstweilige Verfügungen feststellen, dass es sich bei den inkriminierten Äußerungen um bewusste Verdrehungen handelte, entschuldigte sich niemand. Stattdessen wurden die harmlosen literarischen Bücher des "Verbrechers" aus den Sortimenten herausgenommen und nicht mehr verkauft. Man bestraft nicht die Lügner, sondern exekutiert das Opfer. So weit ging man im Sozialismus nicht. Gelegentlich reicht auch ein diffamierender Artikel einer Journalistin, die sich listig in das Vertrauen des potenziellen Gedankenverbrechers geschlichen hat, um einen Autor kalt zu stellen. Verlage, Agenten, Lektoren und viele Freunde machen nun einen Bogen um ihn, damit sie nicht in die Falle der Kontaktschuld geraten.


Eine weitere Methode, mit der die Neo-Stalis die sozialistischen Praktiken im Umgang mit kritischen Publizisten übertreffen: Geldhahn zudrehen

Die meisten unliebsamen Publizisten, Schriftsteller oder Regisseure wurden im Sozialismus zwar in ihrer öffentlichen Wirkung eingeschränkt oder sogar kaltgestellt, selten aber gezielt finanziell ruiniert. Sie konnten, oft (so wie bei den Nazis auch) unter Pseudonym oder namenlos an diversen Projekten von Freunden mitarbeiten oder waren Mitglieder eines Künstlerverbandes oder der Akademie der Künste, was ihnen eine Grundalimentierung sicherte. Dieses Vorgehen war recht klug, denn man trieb sie nicht in verzweifelte Wut oder in die Rolle von Märtyrern, was von westlichen Medien natürlich gerne instrumentalisiert worden wäre, um den sozialistischen Unrechtsstaat anzuprangern.


Auch auf diesem Gebiet sind die Neo-Stalis radikaler. Sie nutzen z.B. ihre Einflussmöglichkeiten auf Banken und Zahlungsdienstleister, um besonders renitente Gedankenverbrecher von allen Einnahmequellen abzuschneiden. So werden die Bankkonten ebenso wie die Accounts bei Zahlungsdienstlern ohne Angabe von Gründen plötzlich gekündigt. Auf diese Weise kann der Inkriminierte die Zahlungen seiner Unterstützer nicht mehr erhalten und steuert auf den finanziellen Ruin zu. Diese Methode wird noch ergänzt durch den Missbrauch der ohnehin schon absurden Möglichkeiten zur Abmahnung. So versucht man z.B. ein Bild oder einen Text finden, wo die Zielperson angeblich das Urheberrecht verletzt hat. Wehrt er sich (oft erfolglos), dann erreichen die Anwalts- und Gerichtskosten oft eine Dimension, die ihn ruiniert. Reicht das noch nicht, sind Klagen wegen Beleidigung, unzulässigem Gebrauch des privaten Wortes oder ähnlich schwammige Vergehen eine willkommene Ergänzung. Als Erfüllungsgehilfen der Neo-Stalis auf diesem Gebiet haben sich Stiftungen bewährt, die von ehemaligen sozialistischen Funktionären und Geheimdienstmitarbeitern durchsetzt sind. Die Neo-Stalis arbeiten mit den Alt-Stalis gerne zusammen, man ist auf einer Wellenlänge."


Zitat aus: Marionetten, Neo-Stalis und Monsterwellen, Marc DeSargeau, FAGULON-Verlag 2021