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- Göttliche Botschaften oder Temporallappen-Epilepsie?
Wie auf dem Bild dargestellt, besteht in unserem Gehirn eine riesige Mengen von Verkabelungen durch Ketten von Nervenzellen, welche die Kommunikation von Hirnregionen beim Denken, Fühlen und Agieren ermöglichen. Kleine Störungen dieser Verschaltungen können bereits ganz erstaunliche Fehlfunktionen auslösen, wie wir z.B. an der Wirkung von LSD oder Mescalin sehen können. Deshalb waren z.B. Mescalin-haltige Pilze eine wichtige Komponente bei den Getränken, die Schamanen in vielen Kulturen zu sich nahmen, um göttliche Visionen zu erhalten. Bei allen Propheten der Vergangenheit und bei Sektengründern der Gegenwart wird immer wieder die gleiche Vermutung geäußert, wie ihre Visionen und das Hören von göttlichen Stimmen erklärbar wären: Es könnte sich um eine der inzwischen genauer bekannten psychiatrischen Erkrankungen handeln. Dabei kommen Schizophrenie, schizophrene Schübe und das Hören von Stimmen in Frage. Letzteres ist übrigens ein so verbreitetes Phänomen, dass allein in Deutschland Zehntausende davon betroffen sind und sich in Selbsthilfegruppen organisieren, um mit diesem unheilbaren Zustand einigermaßen umgehen zu können. Dabei sind die gehörten Stimmen oft so klar, als stände jemand neben dieser Person. Andere Menschen hören statt dessen ständig Musik, die in ihrem Kopf erzeugt wird und nicht abgeschaltet werden kann. Es gibt aber auch sehr kurze unkontrollierte Entladungen von Neuronengruppen, eine Art elektrisches Feuerwerk im Gehirn, welches enorm eindrucksvolle Visionen erzeugen kann. Es handelt sich um einen Zeitraum von wenigen Minuten vor dem Ausbruch der Temporallappen-Epilepsie. In alle diesen Fällen ist es mehr als verständlich, dass man in alten Zeiten nur eine Erklärung dieser Phänomene finden konnte: Es musste sich um göttliche Botschaften handeln. Insofern ist es nachvollziehbar, wenn sich verschiedene Autoren die Frage stellen, ob die Offenbarungen Mohameds möglicherweise hier ihre Quelle haben. Zitat Der unter Pseudonym schreibende türkische Arzt Dede Korkut listet in seinem Buch „Life Alert: The Medical Case of Muhammad“ eine Reihe von Symptomen auf, die Mohamed hatte und die sich auch bei TLE-Patienten (Temporallappenepilepsie) wiederfinden. Das Hören von Glockenklang ist für ihn ein deutlicher Hinweis auf Mohameds Erkrankung. Über Mohamed wissen wir, dass er Glockenklang und Musik hasste. In einem Hadith sagt er: „Eine Karawane wird von den Engeln nicht begleitet, wenn ein Hund oder eine Glocke dabei ist.“ In einem anderen Hadith äußert er: „Die Glocke ist die Flöte des Teufels.“ Möglicherweise löste das Läuten einer Glocke Anfälle bei ihm aus. Nach der islamischen Eroberung von christlichen Gebieten wurden die Kirchenglocken in vielen Orten verboten. Für viele Salafisten gilt heute das Benutzen von Alarmglocken als verboten. Korkut listet eine Reihe weiterer Verhaltensstörungen auf, die mit TLE verbunden sind und bei Mohamed auffielen: Emotionalität, Euphorie, Wut, Aggressionen, Schuldgefühle, Depressionen und Suizidgedanken, Hypermoralismus, wechselhafte sexuelle Energie, Hypersexualität, Hypergraphie bzw. Schreibzwang, Paranoia. Abbas Sadeghian ist ein iranisch-stämmiger Neuropsychologe, der über lange Erfahrung in der Behandlung von TLE-Patienten verfügt. Auch er bestätigt in seinem Buch »Sword and Seizure: Muhammad's Epilepsy and the Creation of Islam« die Diagnose Temporallappenepilepsie. Für ihn gelten das Hören von Glockenklängen und die visuellen Halluzinationen als klare Indizien. Darüber hinaus sieht Sadeghian bei Mohamed Anzeichen für Verhaltensstörungen, Paranoia und Narzissmus. Zum gleichen Ergebnis kommt der iranische Schriftsteller Ali Sina in seinem Buch »Understanding Muhammad«. Jenseits der (umstrittenen) Diagnose Temporallappenepilepsie scheint Mohamed tatsächlich an psychischen Problemen und Erkrankungen gelitten zu haben, die sich nicht durch eine mögliche Epilepsie erklären lassen. Etwa sein Gewaltproblem oder sein Mangel an Empathie. Mohameds Leiden und seine Verhaltensauffälligkeiten hatten und haben für die islamische Geschichte und für viele Muslime bis heute weitgehende Konsequenzen. In Sure 33, Vers 21 verlangt der Koran von Muslimen, sich an Mohamed ein schönes Vorbild zu nehmen. Seine Frau Aischa beschrieb Mohamed mit den Worten: »Er war ein Koran auf zwei Beinen.« Der Koran bestätigt dies in Sure 53, in der es heißt, alles, was Mohamed spricht, ist eine Offenbarung Gottes. Solche Verse haben bis heute eine kritische Betrachtung von Mohamed und seinem Werk in der islamischen Welt verhindert. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 203-204
- Die Suren aus Mekka und Medina sind gegensätzlich
Wie in dieser Wand eines Blockhauses sind die Suren des Korans scheinbar fest zu einer göttlichen Botschaft zusammengefügt. Wenn man sie jedoch nicht in der Anordnung im gegenwärtigen Text liest, sondern die Offenbarungen aus Mekka von denen in Medina trennt, ergibt sich ein überraschend anderes Bild. Wie auf dem Bild entstehen so zwei unterschiedliche Typen von Balken im Gebäude des Koran, die mit gesamten Text später eng verbunden wurden, indem man die Suren der Länge nach sortierte. Diese zwei Typen von Suren ermöglichen es bis heute, nahezu jede beliebige Botschaft aus dem Koran herauszulesen. So können diejenigen, welche göttliche Botschaften des Friedens und der Vergebung durch Suren des Korans beweisen wollen genauso viele Argumente sammeln wie die Verfechter einer gewalttätigen muslimischen Weltrevolution, welche einen ständigen Dschihad erfordert. Zitat Im Folgenden fasse ich einige Aspekte zusammen, die belegen, inwieweit sich die Koransuren von Medina von jenen der mekkanischen Phase unterscheiden: • Es beginnt mit dem Stil, der Sprache: Die eher friedlichen und versöhnlichen Suren von Mekka sind poetisch, meditativ und apokalyptisch. Die Suren von Medina sind in Prosa gehalten, deskriptiv und belehrend. • In die Suren beider Phasen fließen die jeweiligen Konflikte ihrer Zeit ein. Die mekkanischen widmen sich dem Disput mit den heidnischen Arabern. In Medina sind es der Disput mit Juden und Christen und die jeweilige Deutungshoheit der monotheistischen Religionen. • Alle Suren über Rituale, die Vorschriften für das Leben von Frauen, Gesetze und Körperstrafen stammen aus medinischer Zeit. • Alle Suren, die Toleranz und ein friedvolles Zusammenleben predigen, sind dagegen in Mekka oder während der Frühphase von Medina entstanden (wie z. B. Sure 2:256, „Es gibt keinen Zwang im Glauben“). • Alle Suren, die Gewalt und Krieg rechtfertigen, stammen aus Medina. Auch hier ist eine Radikalisierung festzustellen. Die Passagen, die den Krieg lediglich als defensive Verteidigungsmaßnahme sehen, stammen aus der ersten Phase. Jene Suren, die die Gläubigen auffordern, sich aktiv gegen alle Ungläubigen zu erheben, stammen aus der zweiten medinischen Phase. • Die Suren, die Juden und Christen loben und ihre heiligen Schriften als Beweise der Göttlichkeit des Koran hervorheben, entstanden in Mekka oder während der Frühphase von Medina. Diejenigen, die Juden und Christen beschimpfen und ihnen vorwerfen, ihre heiligen Bücher korrumpiert zu haben, stammen aus der zweiten Phase von Medina. • In den mekkanischen Suren wird der Engel, der Mohamed den Koran übermittelte, nicht namentlich erwähnt. Er wird ruh amin (der vertrauenswürdige Geist) oder ruh al-qudus genannt, also Heiliger Geist. Erst in den Suren von Medina wird er Dschibril - Gabriel - genannt. • Gleiches gilt auch für Mohamed selbst, der überhaupt nur viermal im Koran namentlich genannt wird. Viel zu wenig verglichen mit Moses, der 136-mal Erwähnung findet, oder Jesus, der auf 25 Nennungen kommt. In den mekkanischen Suren wird Mohamed nur bashir (Bringer der Frohen Botschaft) oder nadhir (Warner, Ermahner) genannt. Die Bezeichnung nabi (Prophet) kommt erst in Medina hinzu. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 179-180
- Die Präzision der mündlichen Koran-Überlieferung
In westlichen Gesellschaften ist die Überzeugung fest verankert, dass nur schriftliche Überlieferungen verlässliche Quellen der Vergangenheit sind. Man beruft sich darauf, dass alle kulturell hochstehenden Gesellschaften Schriften entwickelt haben. So entstanden eindeutige Zeugnisse des religiösen, politischen und kulturellen Denkens und Schaffens. Das begann bereits vor einigen tausend Jahren z.B. mit den ägyptischen Hieroglyphen und hat sich in allen hochstehenden Gesellschaften bewährt. Also lag es nahe, der mündlichen Überlieferung in Gesellschaften ohne Schriftsprache eine geringe Bedeutung und Zuverlässigkeit zuzuweisen. Man denkt dabei oft an das Spiel "Stille Post", wo einer dem anderen einen Satz ins Ohr flüstert und bereits nach 8-10 solcher Übermittelungen ein völlig verkrüppelter Satz herauskommt, dessen Sinn kaum Ähnlichkeit mit dem Original hat. Bei den mündlichen Überlieferungen von Gesängen und Geschichten in Afrika, Südamerika und in ähnlichen Stammeskulturen ist nicht nachprüfbar, wie präzise diese von einer zur anderen Generation weitergegeben werden. Es gibt ja keine schriftliche Urform, die als Vergleich dienen könnte. Anders ist dies beim Koran, wobei sich trotz seiner Länge und Kompliziertheit Überraschendes offenbart. Zitat Die älteste Koran-Handschrift, die alle Suren des Koran umfasst, stammt aus dem 9. Jahrhundert. Sie befindet sich in einem Museum für Handschriften in Kairo. Die Tatsache, dass die ältesten Korantexte erst lange nach Mohameds Tod verschriftlicht wurden, bedeutet nicht unbedingt, dass auch der Koran erst nach Mohameds Ableben entstanden ist. Denn ein Text kann lange vor seiner Verschriftlichung existieren. Gerade in einer Gesellschaft, die sich fast ausschließlich auf die mündliche Überlieferung verlässt, ist dies oft der Fall. Ich stamme aus einem Dorf im Nildelta, das schon zu Pharaonenzeiten existierte. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es im Dorf keine einzige Koranausgabe, weder gedruckt noch als handschriftliche Übertragung. Und doch lebten dort über zwanzig Menschen, die den gesamten Koran auswendig kannten und an Koranschulen lehrten. Zwei von ihnen waren blind. Hunderte kannten wenigstens Teile des Koran auswendig, obwohl sie weder lesen noch schreiben konnten. Auch ich lernte den gesamten Koran als Kind auswendig, ohne jemals den entsprechenden Text vor mir gehabt zu haben. Für Wissenschaftler, die die Existenz eines Textes nur anhand von Manuskripten nachweisen können, existierte in meinem Heimatdorf bis Mitte des 20. Jahrhunderts gar kein Koran, da davor kein geschriebener Text dort aufzufinden war. Entweder gab es frühere Koran-Manuskripte aus der Zeit Mohameds oder 'Uthmāns, die später beseitigt wurden, als die Umayyaden ihre offizielle Version des Koran präsentierten, oder der Koran blieb eine mündliche Tradition, bis die arabische Sprache sich in der Umayyaden-Zeit entwickelt hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass die Umayyaden einige Stellen des Koran zu ihren Gunsten verändert haben. Das kann man sogar bei den vier Kalifen nach Mohamed nicht ausschließen, war es doch eine Zeit voller Konflikte und Bürgerkriege. Da der Urtext ohne Vokalisierung und ohne Punkte war, ließ ein Wort oft mehrere Lesarten zu Ein Beispiel: Betrachten wir das Wort rabbi, mein Gott. Setzt man einen Punkt über den ersten Buchtstaben r ), entsteht ein völlig anderes Wort. Es liest sich dann zebbi und würde bedeuten: mein Penis. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 156-157
- Weintrauben statt Sex im „Pornotopia“?
Wenn man sich einige der etwas ausführlicheren und sensibleren Interviews mit inhaftierten ehemaligen IS-Kämpfern anschaut, wird man schnell bemerken, dass deren Kenntnis vom Koran nur eine naive, sehr oberflächliche ist. Sie beten einige Slogans nach, die ihnen in Schnellkursen eingetrichtert wurden. Die eigentliche Motivation besteht in der Aussicht auf Sex und dem hemmungslosem - weil durch Allah befohlenen - Ausleben von Mordlust. Der Sexualtrieb kann durch die Vergewaltigung von Sex-Sklaven im Rahmen des sexuellen Dschihad befriedigt werden, die Mordlust im grausamen Töten von "Ungläubigen" oder "Falschgläubigen", meist also von Shiiten. Aber es sind nicht nur diese irdischen Verheißungen, die Testosteron-gesteuerte junge Männer dazu bewegten, sich in Massen dem IS anzuschließen. Hinzu kam die Verheißung des himmlischen "Pornotopias", das jedem Märtyrer offen steht, der im Kampf für die "gerechte Sache Allahs" fällt oder ein Selbstmord-Attentat begeht. Allerdings dürften sie hier wohl eine Überraschung erleben, weil sich die Huris vermutlich als Weintrauben entpuppen werden. Hinzu kommt die sofortige Vergebung aller Sünden. Das ist ebenfalls attraktiv für junge Männer, die sich ihrer "sündigen" Vergangenheit in westlichen Ländern schämen und sich von allen höllischen Strafen durch den Märtyrertod befreien wollen. Zitat 1 Wenn man die Passagen des Koran über Frauen liest, stellt man fest, dass die Frau nur ein Objekt ist, das eine gewisse Funktion in der muslimischen Gemeinde zu erfüllen hat: den Mann zu erleichtern. Bevor die IS-Kämpfer Jesidinnen und Christinnen als Sexsklavinnen erbeuten konnten, wurden junge Männer in Syrien damit angeworben, dass dort der Sex-Dschihad erlaubt sei. Umgekehrt bieten sich Musliminnen aus allen Ecken der Welt, vor allem aber aus Nordafrika, Dschihadisten an. Sunnitische Gelehrte, die den sexuellen Dschihad unterstützen, berufen sich auf den Propheten, der seinen Soldaten während langer Kriege erlaubte, »Genussehen« mit Frauen zu schließen, damit sie ihre sexuellen Gelüste ausleben konnten. Hier spielt die Frage nach der Moral keine Rolle, denn es geht um ein noch höheres Prinzip: den Dschihad. Es geht darum, den Kämpfer zu motivieren und seine Paradiesphantasien zu beflügeln. Und wie sieht dieses Paradies aus? Es besteht aus einem himmlischen Bordell, in dem Frauen Märtyrern rund um die Uhr zu Diensten sind. Jedem Märtyrer stehen 72 Jungfrauen zu, dazu noch deren je siebzig Dienerinnen. Der mittelalterliche Theologe al-Suyuti schreibt: „Jedes Mal, wenn wir mit einer huri schlafen, verwandelt sie sich danach wieder in eine Jungfrau. Der Penis eines Muslims wird nie erschlaffen. Die Erektion hält ewig, und der Genuss bei der Vereinigung ist unendlich süß und nicht von dieser Welt. [...] Jeder Auserwählte wird siebzig huris haben neben seinen Frauen, die er auf der Erde hatte. Alle werden eine köstlich verlockende Vagina besitzen.“ Thomas Maul, Islamexperte und Autor, findet es erstaunlich, dass nicht die Vereinigung mit Allah, sondern der endlose Sex im himmlischen Bordell den Kern der islamischen Erlösungsphantasie ausmacht. Hauptmotiv des Paradieses sei die totale Entfesselung und Befriedigung des männlichen Sexualtriebes. Alle im Diesseits geltenden Tabus und Einschränkungen werden aufgehoben, jedoch nicht für Frauen, die auch im Paradies Objekte der männlichen Sexualität bleiben. Die allzeit einsatzbereiten Liebesdienerinnen profitieren nur insofern, als sie im Paradies von der Last der Periode, der Empfängnis und des Gebärens befreit sind. Wobei auch das eine zweischneidige Sache ist, können sie doch so dem sexhungrigen Mann uneingeschränkt zur Verfügung stehen in diesem von Gott perfekt vorbereiteten » Pornotopia«.... Zitat 2 Schließlich las ich die philologische Studie von Christoph Luxenberg über »Die syro-aramäische Lesart des Koran. Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache«. Da Arabisch bis zum 7. Jahrhundert noch keine Schriftsprache war, geht Luxenberg davon aus, dass dem Koran eine Schrift in syroaramäischer Sprache als Kern vorlag. Er listet mehrere hundert Wörter auf, die aus dem Syro-Aramäischen stammen und oft von Koranexegeten falsch verstanden wurden. Darunter ist das Wort qur'an selbst, also Koran, das aus dem syrischen Wort qiryan stammt, was das Liturgiebuch bezeichnet, das die syrischen Christen in der Kirche für ihre Gebete in Mohameds Zeit benutzten. Das berühmte Beispiel in Luxenbergs Buch ist das Wort huris, das im Koran für die Paradiesjung-frauen verwendet wird, die einem Gläubigen im Himmel zustehen. Im Syro-Aramäischen bedeutet es hingegen „weiße Trauben“. Nach dieser Lesart warten nicht schöne Frauen im Himmel auf den Märtyrer, sondern frische Früchte. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 146-147 und 152
- Zwei Maßstäbe: Genussehe und Prostitution
Menschen aus westlichen Ländern erscheint es unvorstellbar absurd und grausam, wenn Ehebruch oder außerehelicher Sex in einigen islamischen Ländern brutal und gnadenlos bestraft wird. Gleiches gilt für die Verbannung aller weiblichen Reize durch Kopftücher, lange Mäntel und schließlich sogar die Burka. Kaum jemand hätte sich Ende der 50iger Jahre vorstellen können, dass die archaischen Gebote, die vor rund 1400 Jahren in entlegenen Wüstenstädtchen Arabien entstanden sind, heute wieder zu neuem Leben erwachen würden und sich sogar in den Parallelgesellschaften des Westens breitmachen könnten. Noch unverständlicher und abwegiger wird das Ganze jedoch durch die damit einhergehende Doppelmoral, die sich besonders in der schiitischen Richtung des Islam erhalten hat. Hier existieren klerikal abgesegnete Prostitution und schärfste Bestrafung von Ehebruch und außerehelichem Sex scheinbar problemlos nebeneinander. Zitat In Altarabien war noch eine andere Form der Ehe üblich: Ein Mann schloss mit einer Frau für eine begrenzte Zeit einen Ehevertrag, nur um mit ihr schlafen zu können. Dafür bezahlte er ihr eine vorher ausgehandelte Summe Geld. Eine Zustimmung seitens ihres Vaters musste die Frau dafür nicht einholen. Auch diese sogenannte Genussehe hat Mohamed übernommen, wie Sure 4:24 zeigt: „Was darüber hinausgeht, ist euch erlaubt, (nämlich] dass ihr euch als ehrbare Männer, nicht um Unzucht zu treiben, mit eurem Vermögen (sonstige Frauen zu verschaffen] sucht. Wenn ihr dann welche von ihnen genossen habt, dann gebt ihnen ihren Lohn als Pflichtteil! Es liegt für euch keine Sünde darin, wenn ihr, nachdem der Pflichtteil festgelegt ist, ein gegenseitiges Übereinkommen trefft. Allah weiß Bescheid und ist weise.“ Nachdem Mohamed die Zahl der zulässigen Ehefrauen aufvier reduziert und seinen Anhängern außerehelichen Sex verboten hatte (ein Fehltritt wurde nun mit Auspeitschen bzw. Steinigung bestraft), erlaubte er ihnen die Genussehe. Weil er die Natur des Mannes kannte? Weil er selbst Frauen so sehr begehrte, dass er nach einem Weg suchte, die Beschränkung mit einem geschickten Winkelzug gleich wieder auszuhebeln? Nach dem Tod Mohameds war die Genussehe unter Kalif Omar eine Zeitlang verboten; Omar hatte die Gefahr gesehen, dass Männer lieber diese kurzfristigen Ehen eingingen, die sich langsam in Richtung Prostitution entwickelten. Noch heute steht der Vorwurf im Raum, bei der Genussehe handele es sich zumindest um verdeckte Prostitution. Die Parameter stimmen: begrenzte Zeit, festgelegter Preis, Sex. Je nach Auslegung verschiedener Rechtsgelehrter kann die Genussehe für Jenseits des Schleiers die Dauer von einer Stunde bis zu 99 Jahren (gültig nur im Diesseits) eingegangen werden. Im sunnitischen Islam ist die Genussehe bis heute verboten. Bei den Schiiten ist sie immer noch erlaubt. Im Reich der Mullahs wird eine Frau gesteinigt, wenn sie außerhalb der Ehe Sex mit einem Mann hat, den sie liebt. Aber es ist ihr erlaubt, jede Woche gegen Geld einen Mann zu befriedigen, solange dies im Rahmen der schiitischen sighe, der Genussehe, geschieht. Den obengenannten Vers lesen die Schiiten ein wenig anders. Dort heißt es: „Erlaubt ist euch außer diesem, dass ihr mit eurem Geld Frauen begehrt, für eine bestimmte Zeit zur Ehe und nicht zur Hurerei. Und gebt denen, die ihr genossen habt, ihren Brautlohn.“ Mohameds Gefährte Ibn Masu'd, der kein Schiit war, berichtet: Zu Zeiten des Propheten sei der Vers mit dem Nebensatz für eine bestimmte Zeit gelesen worden, später sei dieser Teil jedoch verschwunden. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 140-141
- Analogien zwischen dem IS und der Mafia
Diese Basaltsäulen setzen sich aus gleichartigen und harten Elementen zusammen, die eng zusammengedrängt allen Umwelteinflüssen trotzen. Insofern eignen sie sich sich gleichermaßen als Sinnbild für fanatische Sekten und kriminelle Clans. Dort zählen nur die eigenen Regeln und jedermann, der diese verletzt, verliert den Schutz der Gruppe, wird ausgestoßen und oft sogar als Verräter oder Abtrünniger getötet. Diese und ähnliche Analogien findet Abdel-Samad auch im Vergleich der Mafia mit den Milizen des fundamentalistischen Islam. Wenngleich der "Islamische Staat" in Syrien und im Irak eine vernichtende Niederlage erlitten hat, sind kleinere Gruppen dort immer noch aktiv. Ungebrochen ist deren Macht jedoch in einigen Regionen von Afghanistan, in afrikanischen Staaten oder in Libyen. Ähnliche Regeln herrschen auch unter Salafisten und anderen fundamentalistischen Sekten des Islam. Insofern ist dieser Vergleich unvermindert aktuell und wichtig. Zitat „Der Mensch braucht Werte, Selbst Ehrenmänner, die an nichts anderes glauben als an die Macht der Cosa Nostra, brauchen ein System, das ihnen Werte vorgibt und sie einordnet. Jedes nach Absolutheit strebende Wertesystem (…) liefert seinen Anhängern nicht nur ein komplettes Weltbild, ein stramm sitzendes Korsett von Regeln und Verhaltensweisen, sondern stets auch ein ideologisches Fundament“, schreibt Petra Reski über die Mafia. Islam und Mafia sind als eingeschworene Bruderschaften entstanden, die ein tiefes Misstrauen gegenüber Menschen eint, die nicht zur gleichen Familie bzw. Glaubensgemeinschaft gehören. Untereinander ist man freundlich und barmherzig, brutal und rücksichtslos aber gegenüber Feinden. Der Koran beschreibt die erste Gemeinde der Muslime mit diesen Worten: »Muhammad ist der Gesandte Allahs. Und die, die mit ihm sind, sind hart gegen die Ungläubigen, doch barmherzig zueinander«, heißt es in Sure 48:29. Die Feinde werden entmenschlicht, ihre Ermordung zum normalen, alltäglichen Akt. Ein Soldat Mohameds konnte im Gebet vor Ehrfurcht weinen und wenige Minuten später einen Ungläubigen enthaupten, ohne mit der Wimper zu zucken. Denn einen Ungläubigen zu töten ist die Erfüllung des Willens Gottes. Und nicht nur das: Allah greift direkt ein. »Nicht ihr habt sie erschlagen, sondern Allah erschlug sie. Und nicht du hast geschossen, sondern Allah gab den Schuss ab«, ist in Sure 8:17 zu lesen. Wem Gott die Hand führt, für den gilt demnach auch kein irdisches Strafmaß. Gleichermaßen kann ein Mafioso andächtig in der Kirche einer Predigt über Nächstenliebe lauschen, danach vor der Marienstatue niederknien und wenige Minuten später einen Menschen auf offener Straße erschießen - ohne darin einen Widerspruch zu erkennen. „Einem Mafioso fällt es nicht schwer, zu morden. Jedenfalls nicht schwerer als einem Soldaten. Wenn Italien einen Krieg mit einem anderen Land anfinge, und ein italienischer Soldat erschösse fünfzig oder sechzig Feinde, dann würde man den Soldaten nicht für einen Verbrecher halten, sondern ihn als Kriegshelden ehren. Sagen die Mafiosi. Denn sie definieren sich als Soldaten, die nie aus persönlichen Gründen morden, sondern für ihren Staat und ihr Volk." Was für die Welt eine Verbrecherorganisation ist, ist für Mafiosi eine Gesellschaft, ein Staat, ein Volk. Und deshalb hat ein Mafioso auch kein schlechtes Gewissen, wenn er jemanden umbringt. Ihn interessiert nur das Urteil seines Volkes, nicht das der Fremden. Genau wie einen Soldaten, der sich im Krieg befindet.“ Die Umstände oder die Auslegung liefern die Legitimation. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 100-102
- Die Allianz mit kriminellen Clans
Der Titel des berühmten Buches von Tim Holland zum Aufstieg der muslimischen Großmacht ist treffend. Er lautet "Im Schatten des Schwertes, Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreichs". Es erregt immer wieder Erstaunen, wie der aus Mekka geflüchtete, unbekannte und oft verlachte Mohamed in relativ kurzer Zeit nicht nur die Stadt Medina unter seine Kontrolle bringen konnte, sondern auch ein erfolgreicher und wohlhabender Kriegsherr wurde. Wer unterstützte ihn dabei und aus welchen Motiven? Konvertierten die arabischen Stämme in seinem Einflussbereich freiwillig, weil sie von der Großartigkeit der Offenbarungen Mohameds berauscht waren und deshalb diese neue Lehre auch bereitwillig mit ihrem Leben verteidigen und ausbreiten wollten? Spielten vielleicht ganz andere Faktoren bei militärischen Erfolgen Mohameds und der Ausbreitung des Islam eine Rolle? Zitat Er nahm Kontakt mit den Saa’alik vom Berg Tehama auf und bot ihnen eine Allianz an. Wenn sie zum Islam konvertierten, würden sie fortan unter seinem Schutz stehen. Die Sklaven unter ihnen würden frei, wer von seinem Stamm verstoßen worden sei, würde bei ihm eine neue Heimat finden. Das Blut, das an ihren Händen klebte, werde ihnen verziehen. Und das Geld und Gut, das sie erbeutet hatten, gehöre ihnen. Nicht nur diese Männer folgten Mohameds Ruf, sondern auch ein ganzer Stamm namens Ghefar, der von Raubüberfällen lebte. Sie waren neben den Aos und Khasradsch seine wichtigsten Stützen, nachdem er Mekka verlassen hatte. Aus der Perspektive eines wohlmeinenden Propheten erscheint es normal, sich um Sünder, um Ausgestoßene und Verbrecher zu kümmern und zu versuchen, diese Menschen auf den rechten Weg zurückzuführen. Doch Mohamed bemühte sich nicht um diese Leute, um aus ihnen tugendhafte Angehörige einer Gemeinschaft zu machen, sondern um ihre »Expertise« als Kriminelle und Verbrecher zu nutzen und seine eigene Macht zu stärken. Er verbot ihnen nicht, Karawanen zu überfallen, sondern ermunterte sie dazu. Und gab ihnen das Gefühl, ihr kriminelles Tun sei Teil der guten Sache. In Yathrib orientierte sich Mohamed an der Organisationsstruktur der Saa'alik. Die Idee der Bruderschaft, die dem Credo folgte »Einer für alle und alle für einen«, übernahm er von ihnen. Auch die Strafe des Arme- und Beine-Abhackens für Abtrünnige und Verräter, die Eingang in den Koran fand, stammt von den Räubern. Ihre Strategie der blitzartigen Überfälle kopierte er ebenso wie die Verteilung der Kriegsbeute nach einem festgelegten Schlüssel: Der Anführer der Bruderschaft bekam in der Regel ein Viertel der Beute, der Rest wurde unter den Kämpfern verteilt. Mohamed war etwas großzügiger. Er beanspruchte für sich und seine Verwandten nur ein Fünftel der Beute. Im Koran steht dazu: »Und wisset, was immer ihr erbeuten möget, ein Fünftel davon gehört Allah und dem Gesandten und der Verwandtschaft und den Waisen und den Bedürftigen und dem Sohn des Weges.« (Sure 8:41). Sure 8 trägt denn auch den Titel »Die Kriegsbeute«. Erst nach dem Bündnis mit den Stämmen von Medina und den verstoßenen Räubern Arabiens begann Mohameds eigentliche Karriere als »Staatsmann«. Sie - und damit auch der Siegeszug des Islam - fußt letztlich auf einer Allianz mit der organisierten Kriminalität. In islamischen Quellen wird der Karawanenraub zwar erwähnt, aber als eine gerechte Handlung beschrieben, seine Anhänger seien aus Mekka vertrieben worden und hätten ihr Hab und Gut zurücklassen müssen. Abgesehen davon, dass dies auf kaum einen seiner Gefolgschaft zutraf, sei die Frage erlaubt, ob Unrecht mit Unrecht vergolten werden kann. Auch die rund achtzig Kriege, die Mohamed in ganz Arabien führte, werden in den islamischen Quellen entweder als Verteidigungskriege beschrieben oder als solche, die notwendig waren, um die Einheit der Araber zu ermöglichen. Ebenfalls wird erzählt, dass die gleichen Stämme, die Mohamed einst abgelehnt hatten, sich ihm später freiwillig und geschlossen ergeben und den Islam angenommen hätten. Was zu ihrem Sinneswandel geführt hat, wird nicht erwähnt. Warum war Mohamed auf taube Ohren gestoßen, als er eine friedliche Botschaft predigte? Warum waren die Stämme von den ersten Koransuren nicht beeindruckt, obwohl diese poetischer und bewegender waren als die Suren von Medina, die oft in trockener Prosa und unverhohlener Härte vom Krieg gegen die Ungläubigen sprachen? Wie freiwillig war diese Kehrtwende tatsächlich? Sie mag einem gewissen Pragmatismus geschuldet gewesen sein, sicher aber auch einer gehörigen Portion Angst. Die islamischen Quellen übersehen geflissentlich, dass einige Stämme den Islam aus Furcht annahmen; andere mögen darin eine Chance gesehen haben, sich ein eigenes Stückchen Macht zu sichern, am Erfolg zu partizipieren. Das Schwert hatte offenbar eine größere Wirkung als das Wort an sich. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 86-88
- Drei Versionen der Mohamed-Gestalt
Die künstlerisch gestaltete Sonnenuhr auf dem Bild zeigt, dass das Gleiche - nämlich die Zeit - mit drei verschiedenen Methoden präzise angezeigt werden kann. Der Schöpfer dieser Uhren-Skulptur hat damit auch ein Gleichnis erschaffen: Man kann auf unterschiedlichen Wegen zum gleichen Ergebnis kommen. So ist es auch bei der Betrachtung von Mohamed als historische Figur, als Mythos und als problematischen Charakter. Diese Methode der Annäherung an spirituelle Fragen des Islam ist natürlich nur möglich, wenn man sich von der strikten Verhaftung im Korsett des Fundamentalismus befreit. Mit anderen Worten, man kann zu dem Kern des Islam auf verschiedenen Wegen vordringen. Dies sollte das Ziel aller Gläubigen sein und nicht das sklavische Beharren auf formellen Regeln, die aus einer längst vergangenen Zeit stammen. Allerdings verlangt dies in der gewaltbereiten Atmosphäre konservativ islamischer Länder und entsprechender Ghettos in westlichen Staaten nicht nur viel Mut. Zusätzlich braucht es auch ein gewisses Maß an Bildung und intellektueller Selbstreflexion. Zitat Ich gehe davon aus, dass es drei Mohameds gab. Der erste bildet den historischen Kern des Islam. Dieser Mohamed war ein Händler und Prediger, der sich zwischen der arabischen Halbinsel und Syrien bewegte und die Erzählungen und Debatten beider Kulturräume in einem Buch namens Koran kombinierte. Ihm ist es gelungen, einige arabische Stämme zusammenzuschließen, jedoch starb er, bevor er sein großes Projekt der Einigung Arabiens vollenden konnte. Die Vorstellung, dass sich eine neue Religion aus Syrien auf der arabischen Halbinsel hätte etablieren können, ist unlogisch. Denn gerade diese Araber des Hidschaz (im heutigen Saudi-Arabien) waren immer bekehrungsresistent und konnten nur durch einen eigenen Propheten und ein eigenes Buch vereint werden. Die Stämme lebten vom Kollektivgedächtnis und von ihrem Stolz auf ihre genealogische Abstammung. Eine in der Fremde erfundene Religion würde von ihnen eher als eine Invasion betrachtet. Sie konnten eine Figur namens Mohamed nur dann akzeptieren, wenn er tatsächlich unter ihnen gelebt und wenn seine Geschichte sich mit ihrer vermischt hatte. Der zweite Mohamed ist eine übergeschichtliche Gestalt, ein Mythos aus der Erfindung der nostalgischen Geschichtenerzähler. Diese Meta-Erzählungen über ihn sind das Ergebnis der theologischen Debatten im 7. und 8. Jahrhundert, die vor allem in Syrien und Irak geführt wurden. Und der dritte Mohamed schließlich ist die Person, die in fast allen Biographien verschwiegen wird. Der Prophet aus der Sicht seiner zeitgenössischen Gegner und Kritiker. Dieser Mohamed hatte offensichtlich mehr Charakterschwächen und Identitätskonflikte, als die Biographien preisgeben. Psychische oder gesundheitliche Probleme sowie Ungereimtheiten in Bezug auf seine Abstammung könnten womöglich Erklärungen für seine Wut- und Gewaltausbrüche bieten. Sowohl der Koran als auch seine Biographien geben uns einige Hinweise über Mohameds Schwächen und Probleme, die ihm das Leben schwer gemacht haben dürften, andere bleiben uns jedoch verborgen. Auch manche Details über die Nähe Mohameds zu einigen christlichen Mönchen sowie die Religion seiner ersten Frau Khadidscha wurden offensichtlich systematisch vertuscht. Dieses Vorgehen schafft Lücken und Widersprüche in Mohameds Biographie, was wiederum Anlass für weitere Spekulationen liefert. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 46-47
- Wurden Mohamed und der Islam erfunden?
Wie in der historisch-kritischen Forschung zum Ursprung des Christentums fördern die gleichen Methoden auch bei der Untersuchung der Quellen des Islam verstörende Ergebnisse zutage. Im weit verbreiteten konservativen Islam ist der Glaube an die unveränderbare Allgemeingültigkeit der Suren des Koran und der Überlieferungen von Handlungen und Aussprüchen von Mohamed tief verwurzelt. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass diese Forschungen nahezu ausschließlich von westlichen Religionshistorikern durchgeführt werden. Islamische Gelehrte haben es schon oft mit dem Leben bezahlt, wenn sie auch nur den Gedanken äußerten, dass man die Glaubensinhalte im historischen Kontext verstehen müsse und sie deshalb heute nur als Metaphern und vielfältig interpretierbare Leitsätze anzusehen wären. Auf diesem Hintergrund ist der Mut des ehemalig gläubigen Muslim Abdel-Samad zu bewundern, der in einem kleinen ägyptischen Dorf in einem streng konservativen Umfeld aufwuchs. Er hat es gewagt, die Fragen zusammenzufassen, die Historiker seit langem stellen und welche die Grundlagen des konservativen Islam in Frage stellen. Zitat 1 In Deutschland geht die Forschungsgruppe des Inarah-Netzwerks (Karl-Heinz Ohlig, Christoph Luxenberg, Volker Popp und andere) davon aus, dass der Islam ursprünglich eine arabisch-christliche Sekte war, die sich erst nach den arabischen Eroberungen zu einer selbständigen Religion entwickelte. Die arabischen Christen sollen sich mit Byzanz gegen das persische Sassaniden-Reich verbündet haben und seien nach dem Sieg von Byzanz mit einer Autonomie in Syrien belohnt worden. Mohamed, der Koran und die Bezeichnung »Islam« seien rückwirkend erfunden worden, um dem neuen Reich eine Identität zu verleihen. Auch der Islam-Theologe Sven Kalisch äußerte sich zumindest skeptisch zur Existenz Mohameds als historische Person, veröffentlichte aber selbst keine Studien dazu. Der britische Historiker Tom Holland (Im Schatten des Schwertes) und der US-amerikanische Schriftsteller und Religionswissenschaftler Robert Spencer (Did Muhammad exist?) kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Alle diese Forscher eint eine Methode: Sie werfen alle islamischen historiographischen Quellen über Bord und verlassen sich nur auf Münzen und Inschriften aus den ersten beiden Jahrhunderten nach dem Tod Mohameds. Es liegen nur wenige Materialien vor, die oft zweideutige Interpretationen zulassen. Bei ihren Rekonstruktionsversuchen stellten sie fest, dass weder Mohamed noch der Koran, noch das Wort „Islam“ in den ersten sechzig Jahren nach dem Tod Mohameds auf Münzen oder Inschriften jener Gebiete erwähnt wurden, die unter arabischer Herrschaft standen. Die älteste Inschrift, die Mohamed vermeintlich namentlich erwähnt, findet sich wie bereits konstatiert im Felsendom in Jerusalem, zwischen 691 und 693 erbaut vom Umayyaden-Kalif Abd al-Malik. Selbst da meinen die meisten dieser Forscher, dass mit dem Wort „Muhammad“ hier nicht der Prophet des Islam, sondern ein Prädikat von Jesus gemeint war. In der Tat war die Bezeichnung Mohamed bei den arabischen Christen vor dem Islam bekannt. Dies war aber kein Name, sondern ein Titel und bedeutete »der Gepriesene«. Ohlig geht davon aus, dass der Umayyaden-Kalif Abd al-Malik zum Zeitpunkt der Erbauung des Felsendoms noch Christ war und mit „Mohamed“ nicht den Propheten des Islam, sondern Jesus gemeint hat. In nichtislamischen Dokumenten taucht Mohamed namentlich erst viel später auf. Deshalb nehmen die Skeptiker an, dass der Ilsam, sein Prophet sowie der Korna, wie wir sie heute kennen, nicht im Mekka des 7. Jahrhunderts zu verorten sind, sondern im 8. und 9. Jahrhundert in Damaskus und Bagdad »entstanden«.... Zitat 2 Die islamische Mastererzählung behauptet, erst habe der Islam die Araber geeint, dann sei die Eroberung von Persien und Byzanz erfolgt. Die Gegentheorie geht davon aus, dass erst die Eroberungswelle einsetzte, wodurch die Gebiete Syrien, Irak, Iran und Ägypten unter arabische Herrschaft kamen. Danach hätten die arabischen Herrscher den Islam auf Traditionen des orientalischen Christentums aufgebaut, um all den Menschen, die nun unter ihrer Herrschaft standen, eine gemeinsame Identität zu geben und den neuen Eroberern eine Machtlegitimation zu verleihen. Der nächste Schritt sei dann die Rückkopplung des neuen Reiches an Arabien gewesen, jenes Teils der Welt, der damals von der Weltgeschichte abgeschnitten und somit bestens geeignet gewesen sei, um eine ganze Religion von null auf zu erfinden. Ihrer Auffassung nach habe erst die »Ehe« zwischen dem Imperium der Umayyaden und der neuen Religion den Islam zu dem gemacht, was er heute ist. Nach dieser Lesart hätte der Umayyaden-Kalif Abd al-Malik dabei die entscheidende Rolle gespielt. So gesehen könnte man Abd al-Malik mit Kaiser Konstantin vergleichen, der im 4. Jahrhundert das Christentum zur Staatsreligion des Römischen Reiches machte und somit die Geschichte sowohl des Reiches und als auch dieser Religion für immer veränderte. Abd al-Malik war ein belesener Mann, diskutierte oft mit Gelehrten und kannte sich in der Geschichte des Römischen Reiches und in der griechischen Philosophie bestens aus. Er hat ohne Zweifel die islamische Geschichtsschreibung geprägt. Es ist nicht auszuschließen, dass er diese auch zu seinen Gunsten manipuliert hat.... Zitat 3 Was das Fehlen von Inschriften und Münzen, die Mohamed einige Jahrzehnte nach seinem Tod erwähnen, angeht, fallen mir folgende Argumente ein. Erstens ist die Abwesenheit von Beweisen für die Existenz von Personen kein Beweis ihrer Nichtexistenz. Zweitens waren die Araber bis der Koran verschriftlicht wurde kein Volk des Schrifttums, sondern der mündlichen Überlieferungstradition. Das lag auch daran, dass die arabische Schrift zur Zeit Mohameds nur 15 Buchstaben kannte, ohne Vokalisierung, ohne Punkte und ohne Grammatik. Erst Jahrzehnte später entwickelte sich Arabisch zu einer Amts- und Literatursprache. Und drittens kamen die militärischen Erfolge der Araber überraschend schnell. Die ersten Jahrzehnte waren dem Krieg und der Niederschlagung von Aufständen gewidmet. Die neuen Eroberer kooperierten mit christlichen Separatisten, die mit Byzanz nicht zurechtkamen. Auch christliche arabische Stämme, die früher für Byzanz oder für die Sassaniden kämpften, wurden Teil der islamischen Allianz gegen die alten, zerfallenen Weltmächte. Ohne diese christlichen Akteure wären die raschen Siege der Araber zu Lande und zu Wasser (etwa bei der Schlacht von Phönix 651) undenkbar. Es ist also durchaus möglich, dass die Herrscher der Umayyaden nicht sofort von einer neuen Religion namens Islam, sondern von einer Fortsetzung oder Vervollkommnung der Lehre Moses und Jesu sprachen, um ihre christlichen Untertanen zu besänftigen und als Verbündete zu gewinnen. Außerdem liest man in den ersten Chroniken des Islam, dass die Umayyaden früher Erzfeinde von Mohamed und seinem Clan der Hashimiten waren und erst sehr spät zu seinen Anhängern wurden – nämlich erst, als er siegreich wurde. Also scheint nicht seine Lehre, sondern politisches Kalkül der Motor ihres Handelns gewesen zu sein. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 36-38 und 42-43
- Die Hadithe: Neue Gefäße des Glaubens
Angesichts der oft unklaren und poetischen Suren aus der Zeit des Aufenthaltes von Mohamed in Mekka war eine Interpretation dringend nötig. Ganz anders sind die Suren auf der Zeit, in welcher sich Mohamed in Medina aufhielt und dabei war, sich in zahlreichen Kämpfen und Eroberungen eine Machtbasis zu schaffen. Hier dominieren oft klare, nüchterne Anweisungen. Jedoch war der Koran insgesamt nicht ausreichend, um eine Grundlage für die strikten Regeln zu schaffen, die das Leben eines Rechtgläubigen regeln. Also war es nötig, neue Gefäße zu erschaffen, in welche diejenigen Glaubensinhalte gefüllt werden konnten, für die sich im Koran keine Begründungen finden ließen. Dafür eigneten sich die Überlieferungen von der Aussagen und Handlungen Mohameds, die von seinen Zeitgenossen stammen. Allerdings hat sich um Laufe der Zeit eine so unübersehbare Fülle diese Hadithe angesammelt, dass unvorstellbar ist, dass sie alle authentisch sind. Tausende sind vermutlich erst nachträglich erfunden worden, weil sie den jeweiligen Machthabern als Rechtfertigung für ihre Handlungen diesen sollten. Also beschäftigt sich bis zum heutigen Tage ein großer Teil islamischer Gelehrter mit er Erforschung der Überlieferungsketten. Auf diese Weise wurden die Hadithe in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, die sich hinsichtlich der Solidität der nachweisbaren Überlieferung unterscheiden. Zitat Abu Bakr musste gegen die Abtrünnigen und Steuer-Verweigerer vorgehen und brauchte dafür ein klares Mandat. Im Korn selbst fand er allerdings keine dezidierten Aussagen, wie mit diesen Abweichlern zu verfahren war. Er selbst hatte keine Legitimation, neue Gesetze, die unter Umständen über Leben und Tod entschieden, einzuführen. Ich gehe davon aus, dass dies die Geburtsstunde der Hadithe war, Mohameds außerkoranischer Aussagen. Sie regeln in sehr viel stärkerem Maße Fragen des islamischen Rechts als der Koran. Viele Hadithe aus Abu Bakrs Herrschaftszeit stammen von Aischa, Abu Bakrs Tochter und Mohameds Witwe. Sie steuerte über 2200 Hadithe über ihren Alltag mit Mohamed und über sein Leben bei. Viele Regeln der Scharia sind auf ihre Erzählungen zurückzuführen. Seine anderen Ehefrauen haben entweder gar keine Hadithe über Mohamed überliefert oder nur ganz wenige. Seine Frau Zeinab etwa erzählte elf Hadithe, Safiyya nur neun. Darüber hinaus gab es zwei weitere Hauptquellen des Hadiths in Abu Bakrs Zeit. Abu Huraira war eine von ihnen: ein Bettler aus der Fremde, der erst sehr spät Muslim geworden war und nur eine kurze Zeit mit Mohamed in Medina verbracht hatte. Dennoch konnte er über 5300 Hadithe über ihn schildern. Einer jener Hadithe gab Abu Bakr die dringend benötigte Legitimation für seinen Umgang mit Abtrünnigen und Zahlungsunwilligen. Abu Huraira behauptete, er habe den Prophet sagen hören: „Mir wurde befohlen, die Menschen zu bekämpfen, bis sie bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Mohamed der Gesandte Gottes ist, dass sie das Gebet verrichten und die Steuer entrichten. Wenn sie dies nun tun, haben sie ihr Blut und ihren Besitz vor mir geschützt.“ Eine Aussage, die auch Omars Sohn Abdullah bestätigte. Er überlieferte 2630 Hadithe über den Propheten. Merkwürdig ist, dass so wichtige Äußerungen, in denen es um Leben und Tod geht, nicht im Koran stehen und nur von zwei Männern „gehört“ worden waren. Abu Huraira genoss kaum Ansehen unter den Muslimen in Medina. Omar ernannte ihn im Jahr 641 zwar zum Statthalter von Bahrain, berief ihn jedoch wenig später zurück nach Medina und beschlagnahmte seinen Besitz; er habe sich angeblich mit Steuergeldern aus der Gemeinde bereichert. Da Abu Huraia die Maßnahme für rechtswidrig hielt, weigerte er sich, das Geld herauszugeben. Omar soll ihn daraufhin so lange beschimpft und ausgepeitscht haben, bis er das Geld im Schatzhaus einzahlte. Omar verbot Abu Huraira sogar, Hadithe über den Propheten zu erzählen, sonder würde er ihn „ins Land der Affen“, nach Afrika, verbannen. Ungeachtet dessen blieben die Überlieferungen von Abu Huraira neben Aischas Hadithen die Hauptquelle der außerkoranischen Erzählungen über Mohamed – bis heute. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 23-24
- Die beiden Seiten der Mohamed-Überlieferung
Mit der Unerbittlichkeit eines Automaten springt seit Jahrzehnten die Diskussion über die wesentlichen Charakteristika des Islam und von Mohamed zwischen zwei Positionen hin und her. Für die einen ist der Islam eine Religion des Friedens, der freiwilligen Hingabe an Gott und der Freiheit. Für die anderen ist er eine archaische Kriegsideologie, die vor rund 1400 Jahre in kleinen arabischen Wüstenstädten entwickelt wurde und sich bestens zur Rechtfertigung von Stammeskriegen und Eroberungen eignete. Für beide Auffassungen lassen sich im Koran und auch in den Hadithen (also den Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen von Mohamed) überzeugende Belege finden. Diese Zitate werfen sich die Vertreter beider Strömungen ständig an den Kopf, ohne dass daraus eine Verständigung erwachsen könnte. Angesichts der weltweiten Ausbreitung des konservativen Islam und der Gräueltaten islamistischer Terrormilizen hat diese Diskussion enorme Bedeutung erlangt. Dies gilt umso mehr, als große Mengen illegaler Migranten nach Europa geströmt sind. Genauso wie viele der bereits in Deutschland lebenden Menschen muslimischen Glaubens bilden sie Parallelgesellschaften, deren Kultur auf der Unfehlbarkeit der göttlichen Offenbarungen basiert, die Mohamed empfangen haben soll. Daraus resultieren nahezu unlösbare Probleme. Zitat 1 Mohamed als historische Person, seine Taten und Worte sind eine Projektionsfläche, die nach Belieben gefüllt werden kann. Jeder kann daraus machen, was er will, um darin eine Bestätigung und Legitimation dessen zu finden, wonach er trachtet und wer er ist. Viele friedliche Muslime berufen sich auf Mohamed und sehen in ihm nur den gerechten, weisen und barmherzigen Propheten, der sogar in seiner Härte gerecht und barmherzig war. Sie orientieren sich an Episoden aus dem Leben Mohameds und an Koranpassagen aus der mekkanischen Phase, die das friedliche Zusammenleben mit Andersgläubigen betonen. Auch radikale Kräfte und Terroristen berufen sich auf Mohamed - sie zitieren spätere Passagen des Koran, die die Ungläubigen verteufeln und den Krieg verherrlichen. Sie sehen in Mohamed einen kompromisslosen Kämpfer für die Sache Gottes, der mit aller Brutalität gegen Ungläubige vorgegangen war. Islamkritikern wiederum fällt es schwer, die weise und barmherzige Seite von Mohamed zu erkennen und seine Verdienste um die Einheit Arabiens und das Ende des Polytheismus in der Region. Es kommt also ganz darauf an, wonach man sucht, wenn man in Mohameds Biographie und im Koran oder den Hadithen stöbert. Um im Bild zu bleiben: Man kann die Karte des gütigen Mohamed ziehen und ausspielen, aber auch die des Monsters. Eine so ambivalente Persönlichkeit, wie es Mohamed offenbar nun einmal war, kann man schlecht mit Kategorien wie Gut und Böse, schwarz oder weiß erfassen. Das liegt auch daran, dass wir keine eindeutigen historischen Belege haben für das, was er tatsächlich getan oder gesagt hat. … Zitat 2 Seine Anhänger kontrollierte der Prophet auf Schritt und Tritt. Er veränderte die gewohnten Alltagsstrukturen, griff in jedes Detail ein, versuchte alles zu beherrschen und zu regeln, selbst ihren Schlafrhythmus. Fünfmal am Tag versammelte er seine Anhänger zum Beten, um sich ihrer Treue zu versichern. Man könnte sogar sagen, er ließ sie antreten wie zu einer Militärparade. Er warnte sie vor dem Teufel, vor den Qualen der Hölle und entwarf Endzeitszenarien. Sünder wurden ausgepeitscht, Lästerer und Apostaten getötet. Was eine Sünde war, bestimmte er. Die letzten Suren des Koran legten mit ihrer Kriegsverherrlichung und Verdammung der Ungläubigen die Saat der Intoleranz, die bis heute fatale Auswirkungen hat. Da der Koran als das ewige Wort Gottes gilt, das für alle Zeiten Gültigkeit hat, sehen vor allem Islamisten diese Kriegspassagen als Legitimation für ihren weltweiten Dschihad. Der Unterschied zwischen Mohamed in Mekka und Mohamed in Medina ähnelt dem zwischen dem jungen marxistischen Theoretiker Lenin und dem sowjetischen Staatsoberhaupt Lenin. Nach der Machtergreifung gerieten vormals hochgehaltene Prinzipien immer mehr in den Hintergrund, die Logik der Macht und die Angst vor dem Verrat bestimmten fast alles. Kriege verlangten nach neuen Kriegen, der Teufelskreis aus Terror, Unterdrückung und Gewalt war nicht mehr zu stoppen. Bei Mohamed war es eine Allianz mit seinen früheren Feinden des Stammes der Quraisch aus Mekka, die diesen nächsten Wendepunkt in seinem Leben einläutete und den Auftakt für eine beispiellose Eroberungswelle bildete, die die Welt bis heute prägt. Erst im Schatten des Schwertes erlebte Mohamed den Durchbruch und erfuhr die Anerkennung, die er immer gesucht hatte. Doch die gesamte islamische Geschichte wurde zur Geisel dieses Erfolges. Zitat aus: Mohamed, Ein Abrechnung, Hamed Abdel-Samad, Droemer-Verlag 2015, Seite 10 und 15
- Die Ulama kopiert bewährte Erfindungen
Wenn man den Hadithen, also die auf Mohammed selbst zurückgehenden Vorbilder und Weisungen, eine göttliche Autorität verleihen wollte, dann musste dies durch eine robuste Kette von möglichst lückenlosen Überlieferungen nachgewiesen werden. Diese Ketten werden Isnads genannt und sind auch heute noch ein wichtiger Teil der Forschungen islamischer Gelehrter. Immerhin gilt es zwischen den vielen tausend Hadithen unsicherer Herkunft und den authentischen zu unterscheiden. Dies ist nach Jahrhunderten naturgemäß keine leichte Aufgabe. In diesem Prozess ist der größte Teil dieser Überlieferungen als unsicher oder frei erfunden aussortiert worden. Wer hat aber die Methode zuerst angewandt? Es waren die Rabbis, die sich auf die Weitergabe der Offenbarungen der geheimen Tora durch viele Generationen beriefen. Damit konnten sie - zusammen mit allgemein gültigen Interpretationen - ein dichtes Netz um das heilige Buch spannen, was die theoretisch mögliche Vielfalt der Interpretationen blumiger Texte einschränkte. Es entstand der Talmud. Genau die gleiche Methode wurde nun im Islam übernommen. Es ist interessant, dass viele der daran beteiligten Gelehrten jüdische und zoroastrische Konvertiten waren, die sich der Religion ihrer neuen Machthaber unterwarfen und sich dann auf ihre Weise nützlich machten. Zitat 1 Die Rabbis von Sura hatten schon seit Jahrhunderten Erfahrung damit, eben das Problem zu lösen, das die Ulama jetzt angehen wollten. Die geheime Tora, so verkündete es der Talmud, »war am Sinai von Moses empfangen worden, dieser übermittelte sie Josua, dieser übermittelte sie an die Ältesten, diese übermittelten sie an die Propheten - die sie dann ihrerseits einer langen, bis in die Gegenwart reichenden Reihe von Rabbis übermittelten. Nirgends auf der ganzen Welt waren also Gelehrte besser dafür qualifiziert, die Überlieferungsketten aufzuzeigen, die einen Gesetzeslehrer mit den Worten eines Propheten verbanden, als in den Jeschiwas im Irak. War es also nur ein Zufall, dass die erste und einflussreichste islamische Gesetzesschule knapp 50 Kilometer von Sura entfernt gegründet wurde? Ungefähr zur selben Zeit, da Walid im fernen Damaskus seine große Moschee errichtete, loteten in Kufa muslimische Gelehrte erstmals eine Behauptung von größter Tragweite aus: Außer den niedergeschriebenen Offenbarungen des Propheten gab es andere, genauso bindende Offenbarungen, die bislang noch nicht aufgeschrieben waren. Anfänglich begnügten sich die Mitglieder der Ulama - ähnlich wie Rabbis, die ihre Lehrer zitierten - damit, diese bislang nicht aufgezeichneten Lehren bedeutenden lokalen Fachleuten zuzuschreiben; später verbanden sie diese Lehren mit den Gefährten des Propheten; und schließlich zitierten sie dann die oberste Autorität, den Propheten selbst. Indem sie diese zuvor ungeschriebenen Vergangenheitsfragmente - diese Hadithe - zutage förderten, beschritten die muslimischen Gelehrten einen schon längst gebahnten Pfad. Die Isnads waren zwar islamisch, aber sie waren auch mehr als nur ein wenig jüdisch…. Zitat 2 Als Durchmusterung und Prüfstein für die Habgier und Arroganz einer herrschenden Oberschicht war die Sunna möglicherweise das erstaunlichste Zeugnis, das ein besiegtes Volk je hervorbrachte. Denn die Ulama, ob es sich nun um ehemalige Kriegsgefangene, um Zoroastrier oder um Juden handelte, setzen sich überwiegend aus den Leidtragenden er Eroberung zusammen. Dank ihrer gemeinsamen Anstrengung jedoch errangen sie für sich eine außerordentliche, unbezwingbare Würde. Vermittler des göttlichen Willens waren sie und nicht ihre angeblichen Herren. Das Durcheinander aus Glaubenssätzen und -lehren, das Banden überwiegend analphabetischer Krieger aus der Wüste zusammen getragen hatten, wurde während nur eines Jahrhunderts in eine Advokaten-Religion verwandelt. Ein solches Werk, entstanden inmitten solcher Widrigkeiten, grenzt wirklich an ein Wunder. Aber gleichzeitig war es eine Leistung, die als solche nie anerkannt werden durfte. Obwohl die Sunna klar erkennbar ein Produkt ihres Entstehungsorts einer Welt, in der gesetzesgläubige Geistesmenschen unterschiedlicher religiöser Provenienz sich seit Langem bemüht hatten, Gottes Willen in Worte zu fassen, konnte sie nur dann hoffen, erfolgreich zu sein, wenn sie ihre Wurzeln in einem solchen Boden leugnete. Für jedes Hadith musste zwingend nachgewiesen werden, dass es aus dem Innersten Arabiens stammte. So vorzugehen wie die Rabbis in den Jeschiwas oder die Rechtsgelehrten am Hof Justinians, die freudig von dem hohen Alter der Gesetze profitierten, die sie in eine Ordnung bringen sollten, kam also gar nicht in Frage. Ganz im Gegenteil: Wie ehrwürdig das Alter einer bestimmten Rechtsauffassung auch war - Gesetzeskraft konnte sie erst erlangen, wenn zuvor nachgewiesen war, dass sie zu Lebzeiten Mohammeds entstand. Folglich wurde die Sunna auf einem Paradox aufgebaut: Je stärker sich die Ulama im Irak in ihrem Bestreben, eine gerechte Gesellschaft zu formen, auf das unvergleichliche Vermächtnis derer stützten, die seit Jahrtausenden das gleiche Ziel verfolgten, desto stärker identifizierten sie die Quelle dieser Weisheit mit einer kargen Wüste am Rand der Welt. Und sie lehrten, die Erfahrung einer perfekten Gesellschaft sei nur zu einem einzigen Zeitpunkt der Geschichte einem einzigen Ort gewährt worden: Medina zu Lebzeiten des Propheten. Die Rolle der Sunna und ihre überragende Würde bestand darin, dem muslimischen Volk als Wegweiser zu dienen, der ihm den Weg - die Shariah - zurück zum verlorenen Paradies aufzeigte. Allerdings hatten sich auf dem Weg zum Paradies ja schon Wachtposten aufgestellt. Für die Umayyaden waren die Ansprüche der Ulama etwas sehr viel Bedrohlicheres als nur ein schlichter Affront. Wenn der Prophet jetzt wirklich auf den Sockel einer obersten, letztgültigen Autorität für das muslimische Volk gehoben werden sollte - welche Rolle blieb dann überhaupt noch für die ähnlich hoch fliegenden Ansprüche des Kalifen übrig? Sehr viel stand auf dem Spiel. Nicht nur der privilegierte Status Abd al-Maliks und seiner Erben als „Stellvertreter Gottes“ drohte unterminiert zu werden – die Rechtmäßigkeit ihres Führungsanspruchs insgesamt war schwer bedroht. Machte man aus dem Propheten den einzigen, wahren Urquell des Islam, dann musste alles, was nach ihm kann, den Charakter von Verfall und Untergang annehmen. Zitat aus: Im Schatten des Schwertes. Mohammed und die Entstehung des arabischen Weltreiches. Tom Holland, übersetzt aus dem Englischen von Susanne Held, Klett-Cotta 2012, Seite 411-413











